Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eine alte Geschichte...
Hallo miteinander!
Es geht mir hier um eine Geschichte, die schon ein wenig zurückliegt, aber aus anderen Gründen für mich von Interesse ist - und vielleicht ja auch für euch.
Es geht um den "Amoklauf am Gutenberggymnasium", der im Grunde ja kein Amoklauf, sondern ein Attentat war und auf eine für mich extrem erschreckende Weise in den Medien dargestellt wurde. Erschreckend, weil ich selbst an dieser Schule war und nicht nur an der Schule, sondern auch im gleichen Jahrgang wie Robert Steinhäuser. Mein Vater hat 1991 eine Stelle in Erfurt bekommen, meine Mutter ist mit meinem Bruder und mir 1996 nachgekommen. Meine Fächerkombination (ich habe mich in der siebten Klasse für Latein als zweite Fremdsprache entschieden) passte nur mit dem Angebot des Gutenberggymnasium überein und so kam ich im Sommer 1996 dort in die 8te Klasse. Was mir dort widerfahren ist, konnten mir leider nicht einmal meine Eltern (zumindest bis zu dem Attentat von Robert Steinhäuser) glauben. Ich war als, wenn ich das richtig verstanden habe, zu dieser Zeit einziger Wessi an der Schule. Die Lehrer hatten das größte Problem damit und so hieß es bei den ersten Stunden in vielen Fächern nur: "Ahja, ein Wessi.". Meine allererste Mathematikstunde sah so aus, dass mich der Mathematiklehrer aufgefordert hat, aufzustehen, ich käme nun zu einer Abfrage dran. Er fragte mich, was "wir" letztes Jahr drangenommen hätten und ich war ziemlich irritiert. Ich fragte zurück, ob er meine alte Klasse in Würzburg meinte und er sagte, er meinte natürlich meine neue Klasse, was an dieser Schule im letzten Jahr Unterrichtsstoff gewesen wäre. Ich sagte ihm, dass ich das noch gar nicht wissen könne und er sagte, ich habe Pech gehabt und hätte nun meine erste 6. Ein paar Tage später, habe ich mitbekommen, dass dieser Mathematiklehrer ein paar Jungen aus meiner Klasse zu sich an den Tisch geholt und ihnen gute Noten versprochen hat, wenn sie mich in der Pause verprügeln würden. Das ist dann auch geschehen. Ich wurde meist von gleich mehreren Jungen verprügelt und Lehrer, die vorbeigelaufen und das gesehen haben, haben rein gar nichts unternommen. Die Sportlehrerin, der Mathematiklehrer und die Musiklehrerin waren die, mit denen ich die größten Schwierigkeiten hatte. Sie haben mich vor der Klasse bloßgestellt, mich als "dumm" bezeichnet. Es gab eine Mitschülerin, mit der ich halbwegs zurechtgekommen bin und die sagte mir irgendwann, dass ich nicht die einzige sei, auf die es die Lehrer abgesehen hätten und Robert nun eigentlich Glück hätte, da ich zu einer beliebteren Zielscheibe geworden bin. Nach zwei oder drei Monaten konnte ich meine Eltern dazu bewegen, dass sie mich die Schule wechseln ließen. Ich hatte so viele schlechte Noten auf der Notenkarte von Arbeiten oder Abfragen, die nie stattgefunden haben.
Ich kann natürlich nicht sonderlich gut beurteilen, wie Robert Steinhäuser behandelt wurde. Ich weiß, was man mit mir gemacht hat; auch wenn es vielen Leuten schwer fällt, das zu glauben, weil es schließlich Lehrer waren und man Lehrern so etwas nicht zutraut. Komischerweise wurden jedoch genau die Lehrer, mit denen ich die größten Schwierigkeiten hatte, von Robert umgebracht. Er wusste, dass er sein Leben dabei verlieren würde und man begeht so eine Tat nicht grundlos. Das Schulsystem in Thüringen ist voller schwerwiegender Fehler (z.B. dass man nicht automatisch seinen Haupt-, Realschulabschluss erhält, wenn man die 9te oder 10te Klasse bestanden hat), die Lehrer sind verbittert und haben von Pädagogik meist absolut keine Ahnung oder halten nichts davon. An der Schule, an die ich anschließend gekommen bin, war es jedoch nicht besser. Es gab nur eine Lehrerin, mit der ich mich wirklich gut verstanden habe, nur konnte sie leider nicht viel gegen das, was die anderen Lehrer (wobei es auch einige neutrale Lehrer gab) mit mir taten, ausrichten.
Ich heiße nicht gut, was Robert Steinhäuser getan hat, aber ich kann es irgendwie verstehen, zumindest wenn es ihm ähnlich wie mir ergangen ist. Mir ist eine Menge Unrecht widerfahren und man hat mich irgendwann einfach "gebrochen". Die (Schul-)zeit hier in Erfurt, war die Schlimmste in meinem Leben. Ich finde erschreckend, dass man die Schule als eine derart gute und kompetente dargestellt hat; das war sie einfach nicht. Man hat Dinge verantwortlich gemacht, die höchstens sekundär eine Rolle gespielt haben. Ich wollte mehrfach meine Erfahrungen über eine Zeitung oder Ähnliches veröffentlichen lassen, doch diese reagierten oftmals gar nicht auf meine Anfrage. Mein Vater hat einmal einen ihm bekannten Journalisten gefragt und dieser sagte ihm, das sei zu heikel, das wäre etwas, was die Leute nicht lesen wollten.
Ich sage nicht, dass Robert Steinhäuser das Opfer war, aber dass er vor allem auch(!) Opfer und die vermeintlichen Opfer auch Täter waren.
Und es ist erschreckend, wie auch in diesem Fall mit der Wahrheit umgegangen wurde/wird.
glasperlenspielerin
17.04.2005, 11:11
mensch, mericil! ich finde, es unglaublich, was ich hier lese...
ich habe dieses medienspektakel damals auch von A bis Z mitbekommen..und so seltsam es (für die leicht beeinflussbare, mediengelenkte masse klingt), aber mein mitgefühl und mitempfinden galt damals auch zu einem beträchtlichen teil dem attentäter, dem außenseiter, dem mobbingopfer robert steinhäuser. und ich stand auch nicht alleine damit..damals, auf der vorgängerversion dieses forums wurde das thema auch thematisiert...und genau von der anderen (kritischen ) seite, wie du sie hier aufrollst.
ich selber habe dieses thema auf vielen internetforen immer mal wieder von dieser seite anzusprechen und zu diskutieren versucht -und wurde teilweise mit heftigen worten dafür angegangen.
natürlich ist ein mord gegen nichts zu rechtfertigen...aber diese abstempelung und verurteilung eines jungen menschen, der offenbar an ganz massiven seelischen problemen gelitten hat, der starke gefühle und ängste in sich trug, zu einem "monster".., der ausschluß von der trauerfeier (das fehlen der kerze für robert auf der offiz. trauerfeier für die medien), die abschottung seiner eltern, die das ganze nur hinter einem vorhang von einem fenster beobachten konnten-das empfand ich als demütigend und menschenverachtend, ging mir gegen mein inneres "gerechtigkeitsempfinden"! -wenn man zugleich bedenkt, dass auch vertreter der christlichen kirche diese trauerfeier mitgestaltet haben (vor jesus gibt es keine "besseren" und "schlechteren" mensc hen, -vor ihm sind alle gleich, habe ich mal gelernt...).. die wahre christliche tugend zeigt sich im üben des verzeihens (ich fands aboslut haaresträubend, wie der mann einer umgebrachten lehrerin nachträglich über die abscheu gegenüber der familie steinhäuser sprach, die so ein "monster" hervorgebracht hat....er möchte diesen eltern niemals begegnen. angesicht dieser worte empfand ich nur häßlichkeit gegenüber diesem menschen.)
das, was du hier nun über die schule schreibst, wundert mich wirklich überhaupt gar nicht, sondern ich habe diese "falschheit" und "verlogenheit" dieser direktorin und dieser ganzen schule von vornherein geahnt. es war einzelnen personen wirklich von den gesichtern abzulesen...dieses elitäre "wir sind was besseres", "wer nichts leistet, interessiert uns nichts", ....vor allem die fratze dieser schulleiterin mit ihren schwarzuntermalten augen-der stand die falschheit, kälte, härte nur so ins gesicht geschrieben! dazu eine schülersprecherin ganz in ihrem tonus...
ich staune mal wieder über meine gute intuition...
glasperlenspielerin
17.04.2005, 11:22
Ich war als, wenn ich das richtig verstanden habe, zu dieser Zeit einziger Wessi an der Schule. Die Lehrer hatten das größte Problem damit und so hieß es bei den ersten Stunden in vielen Fächern nur: "Ahja, ein Wessi.".
ich lese so etwas hier im internet nicht zum ersten mal. lehrer, die zB vom "westen" in den "osten" (traurig, dass es menschen gibt, die überhaupt in solchen schablonen denken... :ichnicht: ) gewechselt sind, hatten die gleichen akzeptanzprobleme. ich habe mal von einem "west"-referendar gehört, der das mobbing aus den gleichen gründen wie du nicht ausgehalten hat und nach einem halben jahr von mecklenburg-vp. wieder zurückgegangen ist...und jeden "wessi" eindringlich vor diesem schritt in den "osten" gewarnt hat...
daneben kenne ich zahlreiche spitze bemerkungen auf sämtlichen internetforen. tlw hat man wirklich den eindruck, es gäbe eine art "innerdeutschen rassismus"...
natürlich ist das nicht vereinheitbar -eine tante von mir hat zB sehr positive erfahrungen im "osten" gesammelt, wurde sehr freundlich aufgenommen..(und das sogar in einer ländl. region!)..aber die tendenz ist nicht vom tisch zu weisen..
glasperlenspielerin
17.04.2005, 11:30
Er wusste, dass er sein Leben dabei verlieren würde und man begeht so eine Tat nicht grundlos. Das Schulsystem in Thüringen ist voller schwerwiegender Fehler (z.B. dass man nicht automatisch seinen Haupt-, Realschulabschluss erhält, wenn man die 9te oder 10te Klasse bestanden hat), die Lehrer sind verbittert und haben von Pädagogik meist absolut keine Ahnung oder halten nichts davon.
es ist traurig, aber es mußten erst menschen sterben, dass das schulsystem in thrüringen reformiert wurde. inzw. gibt es wohl einen sekundarabschluß/ mittl. reife nach klasse 10 für gymnasiasten- eine regelung, die nach dem erfurt-attentat eingeführt wurde.
in NRW ist die mittlere reife bei versetzung in klasse 11 immer schon automatisch mit drin gewesen , sogar bei hauptschülern (!) mit entsprechend gutem notendurchschnitt.
ich hätte vor dem bericht über das erfurt-attentat und den hintergrundberichten niemals gedacht, dass es so etwas widersinniges wie in thüringen überhaupt gibt und dass so eine benachteiligung geg. anderen bundesländern überhaupt möglich ist.
glasperlenspielerin
17.04.2005, 11:39
Er fragte mich, was "wir" letztes Jahr drangenommen hätten und ich war ziemlich irritiert. Ich fragte zurück, ob er meine alte Klasse in Würzburg meinte und er sagte, er meinte natürlich meine neue Klasse, was an dieser Schule im letzten Jahr Unterrichtsstoff gewesen wäre. Ich sagte ihm, dass ich das noch gar nicht wissen könne und er sagte, ich habe Pech gehabt und hätte nun meine erste 6. Ein paar Tage später, habe ich mitbekommen, dass dieser Mathematiklehrer ein paar Jungen aus meiner Klasse zu sich an den Tisch geholt und ihnen gute Noten versprochen hat, wenn sie mich in der Pause verprügeln würden. Das ist dann auch geschehen. Ich wurde meist von gleich mehreren Jungen verprügelt und Lehrer, die vorbeigelaufen und das gesehen haben, haben rein gar nichts unternommen. Die Sportlehrerin, der Mathematiklehrer und die Musiklehrerin waren die, mit denen ich die größten Schwierigkeiten hatte. Sie haben mich vor der Klasse bloßgestellt, mich als "dumm" bezeichnet. Es gab eine Mitschülerin, mit der ich halbwegs zurechtgekommen bin und die sagte mir irgendwann, dass ich nicht die einzige sei, auf die es die Lehrer abgesehen hätten und Robert nun eigentlich Glück hätte, da ich zu einer beliebteren Zielscheibe geworden bin. Nach zwei oder drei Monaten konnte ich meine Eltern dazu bewegen, dass sie mich die Schule wechseln ließen. Ich hatte so viele schlechte Noten auf der Notenkarte von Arbeiten oder Abfragen, die nie stattgefunden haben.
unglaublich sowas, bin komplett fassungslos. :ichnicht: :ichnicht:
dass diesen lehrern das pädagogische handwerkszeug bzw. eine gewisse pädagogische reflexion komplett fehlt, kann ich mir auch sehr gut vorstellen. die waren ja alle (habe damals ein kollegiumsfoto gesehen) älteren jahrgangs, haben ihre lehrerausbildung also allesamt unter dem alten DDR-drill genossen, inklusive studium nach parteibuch.
Hallo glasperlenspielerin,
Danke für die Antworten! Ich muss zugeben, ich bin auch erleichtert über deine Reaktion, denn ich habe zuvor auch schon mal versucht, meine Geschichte in einem anderen Forum mitzuteilen und bin dort auf derbe Kritik und Beleidigungen gestoßen. Die Leute konnten oder wollten mir das nicht glauben. Dabei ist es eigentlich auch gar nichts so Sonderbares. Die Lehrer, mit denen ich zu tun hatte, waren ziemlich verbittert (z.B. Unterschied im Ost-, Westgehalt, Verbeamtung, Veränderungen ihres Ansehens durch die Wende, etc.). Außerdem spielt(e) die Schule zu DDR-Zeiten eine etwas andere Rolle, ihre "erzieherische" Funktion war deutlich größer und so hatten natürlich auch die Lehrer mehr zu sagen. Ich habe nun Schulen in zwei verschiedenen Bundesländern kennen gelernt und der Unterschied ist gigantisch. Auch hat man z.B. in Thüringen viel weniger Möglichkeiten, den Lehrern eines auszuwischen bzw. sie zu kritisieren. An meiner zweiten Schule in Erfurt gab es noch immer mehrere Lehrer, die mir das Leben ziemlich schwer gemacht haben, darunter eine Lehrerin, die allgemein einfach boshaft war. Sie hat einige Schicksalsschläge in ihrem Leben durchgemacht und dies voll und ganz in der Schule zu kompensieren versucht. Sie hat mich unglaublich oft während des Unterrichts fertiggemacht, aber nicht nur mich. Sie zu einem 6-Klässler am ersten Schultag gesagt hat: "Was willst du denn hier? Du packst die Schule doch sowieso nicht.". Sie hat Schülern immer wieder gesagt, wie dumm sie sein, dass sie eine Schande wären, dass sie nie etwas werden würden. Sie hat das auf eine Weise gemacht, dass sehr viele Kinder durch sie Schulangst hatten. Die Eltern haben zwar versucht, etwas gegen die Lehrerin zu unternehmen, sind jedoch konsequent gescheitert - man hat dort einfach keinen Einfluss. Man hat mich dort völlig gebrochen, ich war irgendwann nur noch ein Stück Dreck, dass vor sich hin vegetierte.
Ich habe auch viele Geschichte von Ossis gehört, die im Westen extreme Anschlussprobleme hatten - klar, die Probleme bestehen auf beiden Seiten. Nach den ersten drei Jahren hier habe ich auch sehr positive Erfahrungen gemacht; meine beste Freundin ist ein Ossi und wir stören uns daran überhaupt nicht. Bei meinem ersten Freund hingegen was das Ost-West-Problem etwas, das sehr großen (negativen) Einfluss auf die Beziehung genommen hat.
Naja, es wurden quasi zwei Länder vereint, die sich erst einmal (auch heute noch) gegenseitig die Schuld an allem Möglichen geben. In beiden Ländern wurden die Leute schließlich auch von grundauf völlig unterschiedlich erzogen - da sind Konflikte wohl vorprogrammiert.
glasperlenspielerin
17.04.2005, 13:35
Ich habe auch viele Geschichte von Ossis gehört, die im Westen extreme Anschlussprobleme hatten - klar, die Probleme bestehen auf beiden Seiten. Nach den ersten drei Jahren hier habe ich auch sehr positive Erfahrungen gemacht; meine beste Freundin ist ein Ossi und wir stören uns daran überhaupt nicht. Bei meinem ersten Freund hingegen was das Ost-West-Problem etwas, das sehr großen (negativen) Einfluss auf die Beziehung genommen hat.
es ist sehr schade, dass dieses denken gerade auch unter der jungen generation, die ja zu dem zeitpunkt der wiedervereinigung noch kinder (!) waren, auch noch so verbreitet zu sein scheint.
Dabei ist es eigentlich auch gar nichts so Sonderbares. Die Lehrer, mit denen ich zu tun hatte, waren ziemlich verbittert (z.B. Unterschied im Ost-, Westgehalt, Verbeamtung, Veränderungen ihres Ansehens durch die Wende, etc.). Außerdem spielt(e) die Schule zu DDR-Zeiten eine etwas andere Rolle, ihre "erzieherische" Funktion war deutlich größer und so hatten natürlich auch die Lehrer mehr zu sagen. Ich habe nun Schulen in zwei verschiedenen Bundesländern kennen gelernt und der Unterschied ist gigantisch.
hängt sicher alles unmittelbar mit diesen faktoren zusammen. "mobben" gehörte zu DDR-zeiten irgendwo auch zum staatsapparat.
ich glaube dir deine geschichte aber auch deswegen, weil ich selber in der schule sehr viel mobbing mitgemacht habe. größtenteils spielte sich das zwar unter meinen mitschülern ab, aber ich habe auch erlebt, wie lehrer bewußt weghörten/ wegschauten bzw. mitlachten/ sich über mich lustig machten. ich habs über viele jahre nicht erlebt, dass jemand mir zu helfen versuchte -es sei denn, es war ein couragierter mitschüler (was allerdings auch sehr selten vorkam).
was du aber dort erlebt hast, sprengt ja noch mal alle grenzen.
ich habe eine internetbekannte in der schweiz, der ähnlich schlimmes passiert ist wie dir (absichtliche schlechte notengebung, vollkommene bloßstellung vor der klasse). bei ihr war dies allerdings aufgrund einer behinderung (sie hat eine leichtere form von autismus und lange jahre zusätzlich mutismus).
ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass du heute noch unter den spätfolgen dieses mobbings leidest. bei mir haben diese jahre auch viel einfluß auf mein selbstwertgefühl/ minderwertigkeitskomplexe etc. genommen und meine immer schon vorhandene schüchternheit sich zu einer sozialphobie steigern lassen.
Hallo Mericil,
ich kann Dich gut verstehen, denn ich bin selber auf dem Gymnasium jahrelang gehänselt worden. Dieses Massaker von Erfurt fand zum selben Zeitpunkt statt wie mein Abitur, also in diesem Zeitraum. Mir hat es zwar nicht gerade die Stimmung versaut, aber vielen anderen in meiner Jahrgangsstufe. :rolleyes:
Solche Ereignisse sind auf lange Sicht nicht zu verhindern, aber die Menschen wiegen sich gerne in diesem Glauben, weil es ja einen "Schuldigen" gab. Hat man sich erstmal so einen Bumann ausgesucht, dann trägt man selbst keine Verantwortung mehr. Das ist das eine.
Andererseit müssen wir uns eingestehen, daß wir nicht wissen, ob es so etwas wie Verantwortung überhaupt gibt. Gerade in diesem Fall wird das deutlich. Roberts Eltern konnten keine guten Eltern sein, weil sie selbst keine guten Eltern hatten. Roberts Lehrer konnten ihn nicht führen, weil sie selbst orientierungslos waren. Robert selbst hatte Grund für seine Gefühle und jeder andere Mensch an seiner Stelle und in seinem Umfeld hätte so oder ähnlich gefühlt und gehandelt. Wer trägt also die Schuld?
Aber eines ist sicher: Hätte Robert überlebt, dann wäre er vor Gericht gestellt und verurteilt worden, wahrscheinlich zur Höchststrafe plus Psychiatrie. Wir werden nie genau wissen, wer "schuld" war an diesem Ereignis, aber ihn hätten wir verurteilt, denn er war der Täter.
> es ist sehr schade, dass dieses denken gerade auch unter der jungen generation, die ja zu
> dem zeitpunkt der wiedervereinigung noch kinder (!) waren, auch noch so verbreitet zu sein
> scheint.
Ja, ich war auch sehr überrascht. Ich bin zugegebenermaßen sehr froh, dass ich gar nicht die Möglichkeit hatte, Vorurteile gegenüber Ossis zu entwickeln, da ich, auch wenn ich aus diesem Grund öfter mal ausgelacht wurde, mit 13 noch gar nicht wusste, dass Deutschland je geteilt war bzw. es eine DDR gab. Naja, einem 6-jährigen Kind hat man davon nicht erzählt und als ich in die Schule kam, war die Deutschlandkarte quasi schon "komplett". Auch im Geschichtsunterricht wurde das bis dahin noch nicht thematisiert. Ich bin also ahnungslos in den Osten gekommen und habe mich auch erst ein paar Monate lang gewundert, was die nur immer mit "Wessi" meinten und weswegen sie so schlecht auf den "West" und "West-Lehrer" zu sprechen waren. Mein Ex-Freund wurde in Sachen Vorurteilen sehr stark von seinen Eltenr und Bekannten derer geprägt. Es hat erstaunlich oft Streitereien verursacht.
> ich glaube dir deine geschichte aber auch deswegen, weil ich selber in der schule sehr viel
> mobbing mitgemacht habe. größtenteils spielte sich das zwar unter meinen mitschülern ab,
> aber ich habe auch erlebt, wie lehrer bewußt weghörten/ wegschauten bzw. mitlachten/ sich
> über mich lustig machten. ich habs über viele jahre nicht erlebt, dass jemand mir zu helfen
> versuchte -es sei denn, es war ein couragierter mitschüler (was allerdings auch sehr selten
> vorkam).
Meist hat man den Eindruck, dass diejenigen, die aufstehen und einem helfen, auch Leute sind, die selbst einmal in der Situation waren, in denen sie Hilfe gebraucht hätten oder geholfen wurde(?)
> ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass du heute noch unter den spätfolgen dieses
> mobbings leidest. bei mir haben diese jahre auch viel einfluß auf mein selbstwertgefühl/
> minderwertigkeitskomplexe etc. genommen und meine immer schon vorhandene schüchternheit
> sich zu einer sozialphobie steigern lassen.
Das kann ich mir vorstellen bzw. sehr gut nachempfinden, ja. Es hat mich enorm geprägt, zumal ich damals auch noch sehr stark zwangsgestört war. Je schlimmer die Situation in der Schule wurde, umso schlimmer und intensiver wurden die Zwänge. Je schlimmer es mit den Zwängen wurde, umso schlimmer wurde es in der Schule. Ich konnte nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, nicht mehr richtig sprechen, nicht mehr geradeaus laufen, rein gar nichts mehr tun und leider hat niemand wirklich etwas von den Zwängen bemerkt. Ich habe das Haus nicht verlassen, lediglich um zur Schule zu gehen. Ich habe unter Menschen Schweißausbrüche und starke Schwindelanfälle bekommen. Es hat lange gedauert, bis sich das alles bei mir wieder halbwegs normalisiert hat; auch das Problem mit den Zwängen. Nun, mit 22, hängt es mir natürlich immer noch nach, aber ich führe mittlerweile eine völlig anderes Leben.
glasperlenspielerin
17.04.2005, 14:53
Solche Ereignisse sind auf lange Sicht nicht zu verhindern, aber die Menschen wiegen sich gerne in diesem Glauben, weil es ja einen "Schuldigen" gab. Hat man sich erstmal so einen Bumann ausgesucht, dann trägt man selbst keine Verantwortung mehr. Das ist das eine.
+
@digger: schuld ist nicht ein einziger, nicht der robert, sondern ein ganzes system, das versagt hat, weil alle mitgespielt haben. jeder der beteiligten trägt eine mitschuld vom kultusministerium über die schulleiterin bis zum klassenkameraden.
von daher kann ich EINE frage nach solchen wie auch ähnlichen "katastrophen" überhaupt gar nicht verstehen: WARUM?
wer diese frage aufwirft, der weist für mich jede schuld von sich..
Digger:
Ja, da hast du völlig Recht. Das Dumme ist, dass wenn man Tatsachen verheimlicht oder totschweigt, man im Grunde nie etwas gegen die wirklichen Ursachen machen kann und ich bin der Meinung, dass die Ursachen dort ganz vielfältig waren bzw. man all mit ganz verschiedenen Mitteln hätte verhindern können. Es mag an den Eltern gelegen haben, es mag an den Lehrern gelegen haben, es mag an seiner Unfähigkeit gelegen haben, sich selbst zu helfen, es mag an den Menschen in seinem Umfeld gelegen haben. Aber passend zu dieser Seite: Die Menschen sind oftmals einfach desensibilisiert - sie bemerken kaum oder gar nicht, wenn mit jemand Anderem etwas nicht stimmt bzw. helfen nicht. Teilweise wird das gar nicht bemerkt, teilweise will man einfach nicht handeln. Daher stört mich, dass dieses Thema und die Frage nach "Gut" und "Böse" bzw. "Opfer" und "Täter" so einseitig und ignorant behandelt wurde. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, dass wenn jemand, der ein Kind vergewaltigt hat, in seiner eigenen Kindheit misshandelt wurde, daher für sein Verbrechen entschuldigt ist, aber ich bin der Meinung, es wäre einfach schön (wenn auch sehr unwahrscheinlich), wenn die Menschen mehr aufeinander achten würde und hilfsbereiter wären. Im Grunde haben sich die Lehrer und Mitschüler ins eigene Fleisch geschnitten, indem sie ihn misshandelt haben - er hat Rache geübt.
Was ich im Endeffekt sagen will: Es wäre wichtig, wenn man die Leute dazu bewegen könnte, nicht wegzusehen. Und das könnte man eventuell schon ein klein wenig erreichen, indem man die Dinge nicht "schwarz-weiß" darstellt.
glasperlenspielerin
17.04.2005, 15:06
genau diese schwarz-weiß -beahndlung solcher und ähnlicher themen (man könnte bspw. auch den 11. sept. vor diesem hintergrund diskutieren) fuchst mich auch so ungemein, deswegen ist mir dieser erfurt -fall auch nachhaltig so stgark in erinnerung geblieben.
Ja, da hast du völlig Recht. Das Dumme ist, dass wenn man Tatsachen verheimlicht oder totschweigt, man im Grunde nie etwas gegen die wirklichen Ursachen machen kann und ich bin der Meinung, dass die Ursachen dort ganz vielfältig waren bzw. man all mit ganz verschiedenen Mitteln hätte verhindern können. Es mag an den Eltern gelegen haben, es mag an den Lehrern gelegen haben, es mag an seiner Unfähigkeit gelegen haben, sich selbst zu helfen, es mag an den Menschen in seinem Umfeld gelegen haben.
da kam einfach eins ins andere. verkettung unglücklicher umstände, bis das fass schließlich übergelaufen ist.
dieser robert hatte auch ganz sicher eine festsitzende depression, die er selber gar nicht mitbekommen hat (?) und weswegen er so exzessiv diese videospiele betrieben hat und (angeblich) fernsehsüchtig war...spricht alles dafür.
seine mutter hat irgendwann auch zugeben, dass sie ihn jahrelang vernachlässigt hat -wegen job und pflege eines nahen angehörigen. robert war angeblich ein kleinkind, das nachts nicht schlafen konnte, wenn sie ihm nicht die hand hielt (die "spiegel"-reportage war damals ansatzweise etwas kritischer und differenzierter unter allen medienberichten....)
glasperlenspielerin
24.04.2005, 15:58
schaut mal den hinweis habe ich grad auf nem anderen forum gefunden:
http://www.netzeitung.de/medien/altpapier/282796.html
find ich zwar seltsam, ausgerechnet, eine mediengestalt wie grönemeyer einen tagebucheintrag (?) eines jungen schülers lesen zu lassen..(brauchte es wieder so viel pathos)...aber offensichtlich versucht sich die doku etwas kritischer...nunja, es lief wohl aber schon..leider verpaßt, verpaßt... hats jemadn von euch gesehen??
glasperlenspielerin
24.04.2005, 15:59
aha: heute wiederholung auf 3SAT, 21:15h
glasperlenspielerin
24.04.2005, 16:03
habe gerade weiter recherchiert! die doku ist schon ein jahr alt, wenn mich nicht alles täuscht (erinnere mich nämlich gerade, dass da auch so ne pfarrerin zu wort kommt, deren meinung ich sehr gut fand..) ..dann hab ich sie schon mal gesehen. ist lohnenswert zu sehen, weil die dinge mal von der anderen seite aufgerollt werden...
Schadt und Beulich gelingt es hier auf brillante Weise, die Bilder für sich selbst sprechen zu lassen. Niemand will die Bürde der Verantwortung tragen und weist sie deshalb gleich meilenweit von sich. So macht der Film klar, in welchem Maß der Fall Steinhäuser jede Diskussion um Schuld im Keim erstickt. Und die meisten Menschen in Erfurt sind längst wieder zur Tagesordnung übergegangen.
Schwindender Protest
Die Schülerinitiative "Schrei nach Veränderung" hat sich einen Tag nach dem Amoklauf gegründet und versteht sich als Kritikerin eines Schulsystems, in dem Individualismus und Ellenbogenmentalität, nicht aber Respekt und Solidarität gefördert werden. Die letzte groß geplante Kundgebung der Gruppe endete aus Teilnehmerschwund in einem Desaster. ....
Schließlich ist es die Pfarrerin, die den Fall Steinhäuser aus seiner Aura des Unfassbaren herausreißt: "Etwas wird in die Wirklichkeit gebracht, wenn es ausgesprochen wird." Und dann sagt sie selbst das Entscheidende: "Robert gehört dazu. Er gehört zu unserer Gesellschaft."
http://www.taz.de/pt/2004/04/21/a0261.nf/text
Digger:
Ja, da hast du völlig Recht. Das Dumme ist, dass wenn man Tatsachen verheimlicht oder totschweigt, man im Grunde nie etwas gegen die wirklichen Ursachen machen kann und ich bin der Meinung, dass die Ursachen dort ganz vielfältig waren bzw. man all mit ganz verschiedenen Mitteln hätte verhindern können. Es mag an den Eltern gelegen haben, es mag an den Lehrern gelegen haben, es mag an seiner Unfähigkeit gelegen haben, sich selbst zu helfen, es mag an den Menschen in seinem Umfeld gelegen haben. Aber passend zu dieser Seite: Die Menschen sind oftmals einfach desensibilisiert - sie bemerken kaum oder gar nicht, wenn mit jemand Anderem etwas nicht stimmt bzw. helfen nicht. Teilweise wird das gar nicht bemerkt, teilweise will man einfach nicht handeln. Daher stört mich, dass dieses Thema und die Frage nach "Gut" und "Böse" bzw. "Opfer" und "Täter" so einseitig und ignorant behandelt wurde. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, dass wenn jemand, der ein Kind vergewaltigt hat, in seiner eigenen Kindheit misshandelt wurde, daher für sein Verbrechen entschuldigt ist, aber ich bin der Meinung, es wäre einfach schön (wenn auch sehr unwahrscheinlich), wenn die Menschen mehr aufeinander achten würde und hilfsbereiter wären. Im Grunde haben sich die Lehrer und Mitschüler ins eigene Fleisch geschnitten, indem sie ihn misshandelt haben - er hat Rache geübt.
Was ich im Endeffekt sagen will: Es wäre wichtig, wenn man die Leute dazu bewegen könnte, nicht wegzusehen. Und das könnte man eventuell schon ein klein wenig erreichen, indem man die Dinge nicht "schwarz-weiß" darstellt.
Sehe ich exakt genauso. Die Problematik liegt darin das hier eine einfache Begründung gefunden werden soll, damit sich der einzelne nicht mit seiner Schuld befassen muß. Im Fall Steinhäuser zeigt es deutlich. Alle tragen Schuld. Die Lehrer, die Schüler, die Eltern und auch Steinhäuser selber (denn all das entbindet ihn nicht von seiner Schuld, auch er ist gleichzeitig Täter und Opfer). Und alle sind Opfer. Die Lehrer, die Schüler, die Eltern und Steinhäuser.
Alle tragen Schuld. Die Lehrer, die Schüler, die Eltern und auch Steinhäuser selber (denn all das entbindet ihn nicht von seiner Schuld, auch er ist gleichzeitig Täter und Opfer). Und alle sind Opfer. Die Lehrer, die Schüler, die Eltern und Steinhäuser.
Trotzdem wäre nur Steinhäuser zur Verantwortung gezogen worden. Wahrscheinlich wäre eine eingeschränkte Schuldfähigkeit festgestellt worden. Aber weder Eltern noch Lehrer wären vor Gericht gestellt worden, denn sie haben die Tat schließlich nicht begangen.
Weil es aber diesmal keinen Täter (mehr) gab, mußten andere Leute für die Schuld herhalten. Die Programmierer von Counter-Strike zum Beispiel. Warum programmieren sie auch so ein böses Spiel? Dann die Sportschützen. Warum bringen sie einem Jugendlich auch das Schießen bei? Dann natürlich noch die Eltern, die Lehrer, die Gesellschaft...
Unser Sündenbock ist tot, deshalb bleibt die Schuld an uns hängen. Aber das ist schwer zu ertragen. Darum verteilen wir sie ein bißchen unter den Menschen. Möglichst gleichmäßig. Dann wird's leichter für jeden. Geteilte Schuld ist halbe Schuld.
Trotzdem wäre nur Steinhäuser zur Verantwortung gezogen worden. Wahrscheinlich wäre eine eingeschränkte Schuldfähigkeit festgestellt worden. Aber weder Eltern noch Lehrer wären vor Gericht gestellt worden, denn sie haben die Tat schließlich nicht begangen.
Weil es aber diesmal keinen Täter (mehr) gab, mußten andere Leute für die Schuld herhalten. Die Programmierer von Counter-Strike zum Beispiel. Warum programmieren sie auch so ein böses Spiel? Dann die Sportschützen. Warum bringen sie einem Jugendlich auch das Schießen bei? Dann natürlich noch die Eltern, die Lehrer, die Gesellschaft...
Unser Sündenbock ist tot, deshalb bleibt die Schuld an uns hängen. Aber das ist schwer zu ertragen. Darum verteilen wir sie ein bißchen unter den Menschen. Möglichst gleichmäßig. Dann wird's leichter für jeden. Geteilte Schuld ist halbe Schuld.
Es geht vor allem darum das sie ihr Verhalten reflektieren sollten. Drüber nachdenken sollten. Na Ja, gleichmäßig kann man sie nicht verteilen. Ich könnte bei mir persönlich zum Beispiel keine finden. Erstens war ich in meiner Schulzeit selbst Opfer meiner Mitschüler. Zweitens hab ich zu Schüler gestanden die ebenfalls gehänselt wurden.
glasperlenspielerin
24.04.2005, 23:10
Trotzdem wäre nur Steinhäuser zur Verantwortung gezogen worden. Wahrscheinlich wäre eine eingeschränkte Schuldfähigkeit festgestellt worden. Aber weder Eltern noch Lehrer wären vor Gericht gestellt worden, denn sie haben die Tat schließlich nicht begangen.
Weil es aber diesmal keinen Täter (mehr) gab, mußten andere Leute für die Schuld herhalten. Die Programmierer von Counter-Strike zum Beispiel. Warum programmieren sie auch so ein böses Spiel? Dann die Sportschützen. Warum bringen sie einem Jugendlich auch das Schießen bei? Dann natürlich noch die Eltern, die Lehrer, die Gesellschaft...
Unser Sündenbock ist tot, deshalb bleibt die Schuld an uns hängen. Aber das ist schwer zu ertragen. Darum verteilen wir sie ein bißchen unter den Menschen. Möglichst gleichmäßig. Dann wird's leichter für jeden. Geteilte Schuld ist halbe Schuld.
wenn man mal darüber nachdenkt, was da für himmelhohe theorien über "gewalt in den medien" angestellt wurden nach dieser tat... wo die eigentlichen ursachen (schulsystem, fehlende kommunikation im elternhaus , mobbing ..) so nahe lagen. geradezu absurd, wenn man sich das im nachhinein durch den kopf gehen läßt.
stattdessen greifen die "kollektiven verdrängungsmechanismen"... es ist eben leichter eine ganze (anonyme) industrie zu verteufeln, als das gespräch mit einem mitmenschen zu suchen.
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