Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Seelenstriptease beim Arbeitsamt??
*+*Kani*+*
23.05.2005, 13:46
Hallo Ihr da draußen!
Künftig sollen bei den Arbeitsagenturen Langzeitarbeitslose in bestimmten Fällen detailliert Auskunft über ihr soziales Umfeld geben. Und das ganze, angeblich, damit sie besser vermittelt werden können.
Das ist doch völliger Unsinn, oder was meint Ihr? Was geht es das AA an mit wem man befreundet ist, Tisch und Bett teilt und Dergleichen?
lt. Stern:Die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg bestätigte, dass ein entsprechendes Konzept derzeit in zwei Arbeitsagenturen erprobt werde. Eine Sprecherin widersprach aber der Darstellung in der Zeitung "Bild am Sonntag", dass Bezieher von Arbeitslosengeld II davon umfassend betroffen seien. Es handele sich nur um Langzeitarbeitslose mit massiven Schwierigkeiten, die eine Arbeitsvermittlung erschwerten, wie etwa Suchtprobleme. Die Beantwortung sei zudem freiwillig. Auch das Bundeswirtschaftsministerium verteidigte das Konzept. Innenpolitiker wie auch ein Sprecher des Bundesbeauftragten für den Datenschutz, Peter Schaar, äußerten dagegen Kritik.
Datenschützer alarmiert
Die "Bild am Sonntag" schrieb von einem Intim-Verhör für Arbeitslose. Der Datenschutz-Beauftragte Schaar habe von der BA Aufklärung verlangt. Die Zeitung zitierte Schaars Sprecher mit den Worten: "Wir sehen das kritisch. Das vorliegende Konzept muss datenschutzrechtlich nachgebessert werden." Auch die Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Cornelie Sonntag-Wolgast (SPD), zeigte sich skeptisch: "Die Befragung der Arbeitslosen in diesem Umfang ist datenschutzrechtlich kaum vertretbar." Der FDP-Innenexperte Max Stadler äußerte ebenfalls Kritik.
Die BA und das Wirtschaftsministerium verteidigten das Konzept dagegen als Möglichkeit, Langzeitarbeitslosen mit besonders schwer wiegenden Problemen zu helfen. Das Ministerium wies die Zeitungsdarstellung als Skandalisierung zurück, wie sie im Rahmen der Umsetzung der Arbeitsmarktreform Hartz IV immer wieder geschehe. Der Fragenkatalog sei ein Mittel, Probleme zu erkennen und Lösungen anzubieten, sagte die BA-Sprecherin. Die Beantwortung der Fragen sei zudem freiwillig. Die Arbeitslosen müssten keine Sanktionen befürchten, wenn sie darüber keine Auskunft geben wollten. "Datenschutzrechtliche Bestimmungen werden natürlich berücksichtigt." Das Konzept diene als Handlungsempfehlung für Fallmanager, die sich ausschließlich um Langzeitarbeitslose mit ganz massiven Problemen kümmerten.
Krass oder? Der Weg zum gläsernen Menschen wird unablässig breiter, aber ob das gut ist, dass bezweifle ich stark.
Ich stehe dieser Entwicklung auch SEHR kritisch gegenüber.
Ein anderes Beispiel für intime Datenabforderungen/Sanktionen - das jeden von uns in Europa betreffen kann:
Ein Professor von mir hat sich, was in vielen Medien auch für Aufsehen sorgte, geweigert, den Fragebogen für den Mikrozensus auszufüllen. Grund: Er sah es als fragwürdigen, ja, unzulässigen Eingriff in seine Privatssphäre an. Es kam sogar zu Geldstrafen, die gegen ihn verhängt wurden. Und der Witz schlechthin: Die zuständige Sachbearbeiterin rief ihn an und meinte, dass er halt irgendetwas (egal, ob wahr oder falsch) angeben solle, dann hätte er seine Ruhe. Aha. ;)
Also ich spreche derartigen Gesetzen die Legitimation ab, d.h ich ignoriere sie. Ich würde mich weigern sie zu beantworten und wenn man mich zwingt, erfinde ich einfach ein Leben. Mein Privatleben geht niemanden was an.
zenzero nero
24.05.2005, 13:56
Künftig sollen bei den Arbeitsagenturen Langzeitarbeitslose in bestimmten Fällen detailliert Auskunft über ihr soziales Umfeld geben. Und das ganze, angeblich, damit sie besser vermittelt werden können.
Das ist doch völliger Unsinn, oder was meint Ihr? Was geht es das AA an mit wem man befreundet ist, Tisch und Bett teilt und Dergleichen?
Erstmal ist das Ganze (noch) freiwillig, in dieser Form sicherlich fragwürdig, das geht sicher besser und anonymer, aber auf der anderen Seite steht doch eine andere Frage: Warum sollen die Finanziers der Arbeitslosen, die arbeitenden, nicht sicher sein wie mit ihrem Geld umgegangen wird, und das - von beiden Seiten, Arbeitsagentur und Arbeitslosem - alles getan wird um diese Abhängigkeit zu beenden.
Bei einer Lebensversicherung zB kann ich mir auch ansehen, wie und wo sie investiert.
Erstmal ist das Ganze (noch) freiwillig, in dieser Form sicherlich fragwürdig, das geht sicher besser und anonymer, aber auf der anderen Seite steht doch eine andere Frage: Warum sollen die Finanziers der Arbeitslosen, die arbeitenden, nicht sicher sein wie mit ihrem Geld umgegangen wird, und das - von beiden Seiten, Arbeitsagentur und Arbeitslosem - alles getan wird um diese Abhängigkeit zu beenden.
Bei einer Lebensversicherung zB kann ich mir auch ansehen, wie und wo sie investiert.
Es ist aber ein Unterschied ob man die Maßnahmen zur Beendigung der Abhängigkeit offen legt oder das Privatleben. Freunde, Partnerin, Intensität der Beziehungen, Vorlieben, das alles geht niemanden was an.
zenzero nero
24.05.2005, 15:03
Das Erforschen der Lebensumstände An Sich ist in meinen Augen legitim -
wenn solche empfindlichem Daten verantwortungsvoll gesichert und verwandt werden.
Ganz ketzerisch gesagt: Es steht ja auch jedem offen, zur Arbeitsagentur zu gehen, von dort Geld zu erhalten. Ist es nicht Legitim wenn dann der Geldgeber nach Gegenleistung fragt ?
@Zenzero
Und mein legitimes Recht wäre es das Arbeitsamt zu belügen. Die Gegenleistung hat das Amt längst erhalten. Ich hab in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Ich würde mein möglichstes Tun meine Arbeitslosigkeit zu beenden. Jede weitere Forderung ist nicht legitim und wird von mir ignoriert. Mein Privatleben ist strikt getrennt von allem anderen. Es geht niemanden was an. Das ist für mich eine unumstößliche Tatsache. Jede Regelung die dies außer Kraft setzen möchte wird von mir ignoriert oder sabotiert.
zenzero nero
24.05.2005, 19:58
@Zenzero
Und mein legitimes Recht wäre es das Arbeitsamt zu belügen. Die Gegenleistung hat das Amt längst erhalten. Ich hab in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Ich würde mein möglichstes Tun meine Arbeitslosigkeit zu beenden. Jede weitere Forderung ist nicht legitim und wird von mir ignoriert. Mein Privatleben ist strikt getrennt von allem anderen. Es geht niemanden was an. Das ist für mich eine unumstößliche Tatsache. Jede Regelung die dies außer Kraft setzen möchte wird von mir ignoriert oder sabotiert.
Das wäre nicht Dein legitimes Recht, es wäre das Recht von dem Du denkst, dass Du es hast.
Wenn die "Versicherungsbedingungen" geändert werden, von einer demokratisch gewählten Regierung, dann auch noch von der Justiz überprüft wurden ?
Das wäre nicht Dein legitimes Recht, es wäre das Recht von dem Du denkst, dass Du es hast.
Wenn die "Versicherungsbedingungen" geändert werden, von einer demokratisch gewählten Regierung, dann auch noch von der Justiz überprüft wurden ?
Es wäre ziemlich naiv zu Glauben Gesetz wäre gleich Recht. Hier übertritt der Staat die Grenzen. Wenn der Staat Unrecht zu Recht macht. Ist es meine Pflicht mich zu wehren.
zenzero nero
24.05.2005, 20:11
Es wäre ziemlich naiv zu Glauben Gesetz wäre gleich Recht. Hier übertritt der Staat die Grenzen. Wenn der Staat Unrecht zu Recht macht. Ist es meine Pflicht mich zu wehren.
Ich sehe schon, wir haben da zu unterschiedliche Standpunkte.
Deshalb nur noch dies. Wir sind hier der Globalisierung ausgesetzt, sie trifft uns mit voller Wucht. Wir können unser jahrzehntelang gewachsenes Anspruchsdenken nicht mehr halten. Aus diesem Grunde müssen die Massnahmen auch härter sein als wir es gerne sehen wollen.
Und ich kann nicht einsehen, warum einer lange Zeit arbeitslosen Person nicht mit allen Mitteln geholfen werden soll, Vertraulichkeit vorrausgesetzt.
Ich sehe schon, wir haben da zu unterschiedliche Standpunkte.
Deshalb nur noch dies. Wir sind hier der Globalisierung ausgesetzt, sie trifft uns mit voller Wucht. Wir können unser jahrzehntelang gewachsenes Anspruchsdenken nicht mehr halten. Aus diesem Grunde müssen die Massnahmen auch härter sein als wir es gerne sehen wollen.
Und ich kann nicht einsehen, warum einer lange Zeit arbeitslosen Person nicht mit allen Mitteln geholfen werden soll, Vertraulichkeit vorrausgesetzt.
Um diese Vertraulichkeit zu gewährleisten müßte diese Person zu meinem besten Freund werden. Ich vertraue nur Freunden. Außerdem ist meine persönliche Situation irrelevant. Wenn ich eine erfinde bringt mich das auf der Arbeitssuche genauso weit wie die echte. Da ich eh keinen Boss erlaube in mein Privatleben einzugreifen. Das Ziel ist es auszuspionieren. Ich hab einen gesunden Menschenverstand und lass mir keinen Schwachsinn erzählen. Damit wird niemanden geholfen.
sonnenhut
25.05.2005, 00:12
nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird, sagt man hier im Rheinland.
Erstmalig war ich mit 15 Jahren bei der Arbeitsagentur-
seitdem hat sich die heutige Agentur zwar schleppend, aber nun doch spürbar zu Positiven verändert. Leise aber merklich weht dort ein neuer Wind.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Ton die Melodie macht bei der jetzigen Agentur. Das mag auch mit dem politischen Druck zu tun haben, dem die Sachbearbeiter dort nun neu ausgesetzt sind. Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz-und dadurch geben sie sich nun (u.a.?)mehr Mühe. Ich verstehe auch die "Gegenseite" der Sachbearbeiter,die sich teilweise auch viel bieten lassen müssen-leider auch hauptsächlich von Ausländern wie ich beobachtet habe. Und das wiederum ensteht auf beiden Seiten durch viele Vorurteile...
Zurück zum Thema denke ich, dass wir uns diesen Zustand selbst zu verantworten haben. Hier geht es einfach darum, dass viele Gelder verteilt wurden, ohne das klare Ansprüche bestanden, weil die Leute falsche Angaben gemacht haben und daraus folgt dann wie in unserer gesamten übrigen Sozialpolitik die Konsequenz:Zunehmende Kontrolle und scheinbare"Überwachung".Hier geht es lediglich um Sicherheit.
(Und wenn alles sichtbar und überprüfbar ist, dann verliert das doch auch wieder den Reiz-wegen Neutralisierung durch die gläserne Masse- Bitte keine Hysterie von wegen George Orwells Paradebeispiele Animal Farm etc. :lsdschaf: )
Ich habe nichts zu verbergen und wenn ich auf einer Blumenwiese von einer Kamera gefilmt oder beobachtet werden sollte, dann baue ich einfach einen Sonnenschirm darüber auf. Oder setze meinen Sonnenhut tief ins Gesicht. :extralol:
@Sonnenhut
Ich habe nichts zu verbergen
Ich ehrlich gesagt schon. :( Meine Beziehungen zu anderen Menschen, meine Vorlieben etc gehen niemanden was an.
(Und wenn alles sichtbar und überprüfbar ist, dann verliert das doch auch wieder den Reiz-wegen Neutralisierung durch die gläserne Masse- Bitte keine Hysterie von wegen George Orwells Paradebeispiele Animal Farm etc. )
Ich muß es dennoch ansprechen. Alles was machbar ist wird auch gemacht. Es ist nur eine Frage der Zeit bis ein Mensch geklont wird. Es ist nur eine Frage der Zeit bis embryonale Stammzellen in der Medizin verwendung finden. Und wenn wir Überwachung zulassen. Ist es nur eine Frage der Zeit bis diese Überwachung gegen uns genutzt werden. Menschen können nicht mit Macht umgehen, deshalb ist immer allergrößte Skepsis geboten wenn sich jemand so große Macht erschleichen will.
Eins wurde hier von den Befürwortern nicht bedacht. Der Handel, Versicherungen etc. Sie alle sind an derartige Daten sehr interessiert. Die Mitarbeiter des Arbeitsamtes sind auch nur Menschen. Und man kann sich sicher sein, das der eine oder andere dem Ruf des Geldes folgen wird. Wenn wir derartige Daten rausgeben, werden die überall verbreitet. Viele haben Interesse und der Faktor Mensch ist hier wie immer die sichere Bruchstelle.
Wer überwacht die Überwacher. Ich erinnere mich noch als die Überwachung von öffentlichen Plätzen begann. Da kamen auch die üblichen Beschwichtigungen. Und was passierte. Es dauerte nicht lange bis die ersten Videos verkauft wurden.
Man kann es auch kürzer sagen, mit Ingeborg Bachmann:
Es kommen härtere Tage.
:cool:
zenzero nero
25.05.2005, 18:36
Man kann es auch kürzer sagen, mit Ingeborg Bachmann:
Es kommen härtere Tage.
:cool:
Und es wird Zeit, dass wir die Geschicke wieder selber in die Hand nehmen und die Zukunft mit neuen Rezepten mitgestalten.
Verweigern und "weiter so", beides war gestern und hat nichts gebracht.
Und es wird Zeit, dass wir die Geschicke wieder selber in die Hand nehmen und die Zukunft mit neuen Rezepten mitgestalten.
Verweigern und "weiter so", beides war gestern und hat nichts gebracht.
Genau das ist der Punkt. Mut zu neuen Rezepten. Das fehlt in der Politik. Lieber Grundrechte aushöhlen unter dem Deckmantel der Reform.
In Zeiten in denen ich Arbeitslos war, hab ich immer gelernt, am erfolgreichsten ist man wenn man gegen das Amt arbeitet. Ich hab schon oft gehört und auch selber erlebt, das viele Stellen wegen irgendwelcher Regelungen des Arbeitsamtes nicht antreten konnten. Ich persönlich hab jede Stelle die ich in meinem Leben gefunden habe, immer nur gegen das Amt gefunden. Das Arbeitsamt hat mir ehrlich gesagt nur Steine in den Weg gelegt. Weiter kommt man nur mit Eigeninitiative.
Es mutet gar seltsam an, das hier die Aushöhlung von Grundrechten aus Sorge um das eingezahlte Geld gefordert wird, aber sich keiner über eine millionenteure Farbänderung des Arbeitsamt Logos aufregt. :rolleyes:
die sägefischin
21.06.2005, 20:48
Es mutet gar seltsam an, das hier die Aushöhlung von Grundrechten aus Sorge um das eingezahlte Geld gefordert wird, aber sich keiner über eine millionenteure Farbänderung des Arbeitsamt Logos aufregt. :rolleyes:
macht die überwachung doch einfach nicht mit ... ich hab mir mal einen alg II-antrag durchgelesen - ist echt unter aller kanone, was da abgefragt wird (übrigens vor der alhi-/soz.hilfe-zusammenlegung wurde in den anträgen auf soz.hilfe sogar abgefragt - u.a. wie häufig man im monat geschlechtsverkehr hat und nach der täglichen häufigkeit von wc-benutzungen - dies weiß ich aus glaubwürdiger quelle, eine freundin hat in ihrer tätigkeit als betriebspädagogin für bildungseinrichtungen wie ibis - acam u.a. gearbeitet, vertragsfirmen des arbeitsamtes. sie hatte mit langzeitarbeitslosen - u.a. mit langezeitarbeitslosen akademikern zu tun) - das ist ja wohl absolut entwürdigend. - und ich finde es absolut nicht OK - ich zahle gerne mit meinen steuern die existenzielle sicherung armer und arbeitsloser leute - aber, daß ich mit meinen steuern auch die repression und die überwachung der leute mitzahle finde ich absolut unverhältnismäßig --- und wenn lz-arbeitslose mit solchen kapitalistischen unsitten wir 1 €-jobs oder auch vermittlung in die prostitution oder zwang in prekäre ausbeuterische arbeitsverhältnisse ohne jede soziale sicherheit gezwungen werden ist das für mich ganz einfach nur unmenschlich!! im übrigen bringt mir als steuerzahlerin dies auch nicht den einblick, wofür denn die gelder, die von der allgemeinheit und für die allgemeinheit sind, verwendet werden.
das problem liegt nicht im nichtvorhandensein von arbeit - wenn wir alle nur 15 std/woche arbeiten würden - kombiniert mit einer grundsicherung, dann hätte jede/r sein auskommen ...
hier ein interessanter text zu dem thema:
Morgens - mittags - abends frei - arbeitslos und Spass dabei!
Quelle: Iserlohner Friedensfestzeitung 2002
Von allen Parteien wird Arbeitslosigkeit als schlimmes Übel definiert. Das sehen viele Arbeitslose nicht so, trauen sich aber nicht die positiven Seiten der Arbeitslosigkeit offen zu propagieren. Da ist zuerst mal viel freie Zeit, die mit Freunden und Verwandten sinnvoll verbracht werden kann. Da aber in der BRD die meisten sozialen Kontakte über die Lohnarbeit laufen, fallen viele Arbeitslose nach Wegfall der Zwangsgemeinschaftskontakte nach einer "Ferienwohlfühlzeit" in ein tiefes Loch und wissen nichts mit sich anzufangen. Wichtig ist in solch einer Phase soziale Kontakte aufrechtzuerhalten bzw. neue aufzubauen. Wichtig ist auch sich Ziele zu setzen und die Zeit für sich selber z.B. zur eigenen geistigen Weiterentwicklung zu nutzen. Wer weiss, was sie will, für die kann die Zeit ohne Lohnarbeit zur besten Zeit des Lebens werden. Dann ist mensch nicht mehr in der Knochenmühle der Lohnarbeit drin.
Gesellschaftlich sinnvolle Arbeit gibt es in Massen. So warten zahlreiche ausserparlamentarische Oppositionsgruppen, nicht nur aus der Friedensbewegung, auf Menschen mit viel Zeit und viel Energie. Zu sehen an etwas grösserem teilzuhaben kann oft mehr Befriedigung schaffen als sich in einem schlechtbezahlten Job kaputtzuschuften. Lebensziele müssen nicht immer was mit Konsum zu tun haben.
Wenn da nur nicht die neidischen Nachbarn und Freunde wären, die selber gerne arbeitslos wären, es sich aber nicht eingestehen können und dich beneiden. In der BRD werden von Unternehmerverbänden und Parteien regelrechte Hetzkampagnen gegen Erwerbslose gestartet. "Sozialschmarotzer", "faules Pack, dass sich in der sozialen Hängematte ausruht" und ähnlicher Blödsinn tauchen als Schimpfkanonaden regelmässig in der veröffentlichten Meinung auf. Ein Arbeitsloser unter 100.000 hatte einen verrosteten Daimler und einer ein altes verrottetes Boot. Das Arbeitsamt Iserlohn machte daraus eine Pressemitteilung und schon am nächsten Tag konnte mensch im IKZ die Überschrift lesen: "Arbeitslose mit Benz und Boot". Verallgemeinern braucht die Zeitung nicht - das tun schon die Leser. Einige Zeit später sah ich diesen Artikel fein säuberlich ausgeschnitten am Infobrett einer Sachbearbeiterin des Hemeraner Sozialamtes. Sozialhilfeempfänger mit sowieso wenig Selbstbewusstsein wird durch diesen Artikel fälschlicherweise suggeriert, unberechtigterweise Staatsknete abzuzocken. Die Menschen im Sozial- und Arbeitsamt sind doch nur "bessere Arbeitslose", die nur deswegen ihre Stelle haben, weil es die von vielen von ihnen verachteten Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger überhaupt gibt. Viele Behördenvertreter tun so, als müssten sie die Leistungen selber aus eigener Tasche bezahlen. Lasst euch von solchen Typen nicht ärgern!
Wer zerstört denn die natürlichen Lebensgrundlagen? Sind es die, die immer mehr sinnloses Zeug produzieren und immer mehr endliche Ressourcen konsumieren? Oder die, die sich dank der "Sozialgesetzgebung" mit einem Minimum an materiellen Mitteln bescheiden und daher gar nicht die ökologischen Katastrophen anrichten können wie die fleissigen Arbeitsameisen und die Workaholics mit Zweitwagen, Konsumorgien und Erlebniskäufen? Sind es die korrupten Politiker, die für ein paar Scheine Umweltauflagen bei Müllverbrennungsanlagen vergessen, wie kürzlich in Köln geschehen?
Als Arbeitslose sollten wir aufhören mit gesenktem Kopf umherzulaufen wie es uns Staat und Parteien vorschreiben. Mehr Selbstbewusstsein ist angesagt! In Deutschland gibt es schon viel zu lange den verinnerlichten protestantistischen Arbeitsethos, der alles für unwert erklärt, was nicht so schuftet wie der typische Deutsche. Arbeit macht nicht frei, sondern versklavt.
Lohnarbeit bedeutet im Regelfall unhinterfragte Unterordnung unter Boss und Vorarbeiter. Da sich die Arbeiter nicht frei entfalten können, ersäufen viele von ihnen ihre unbefriedigten Bedürfnisse in Alkohol oder Konsum und werden so zu Konsumidioten. Ähnlich sieht es bei "fremdbestimmten Arbeitslosen" aus, die die herrschenden Werte und Normen verinnerlicht haben und sich wegen ihrer Arbeitslosigkeit unwert fühlen. Da ist es doch besser ein selbstbestimmter glücklicher Arbeitsloser zu sein und dazu zu stehen.
Nachtschatten
23.06.2005, 00:30
Hallo Sägefischin (schöner Name), kennst Du dieses Buch?
Guillaume Paoli (Hg): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen, Edition Tiamat, Berlin 2002
Leseprobe: http://www.freitag.de/2003/03/03031501.php
(Hmmm, wo ist nur mein Bibliotheksausweis....?)
Nachtschatten
die sägefischin
23.06.2005, 20:07
Hallo Sägefischin (schöner Name), kennst Du dieses Buch?
Guillaume Paoli (Hg): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen, Edition Tiamat, Berlin 2002
Leseprobe: http://www.freitag.de/2003/03/03031501.php
(Hmmm, wo ist nur mein Bibliotheksausweis....?)
Nachtschatten
:D nöö, kenn' ich noch nicht - hab aber gerade mal die rezension gelesen (freitag ist ja auch eine dieser genialen zeitungen, die hier in der gegend tierisch schwer zu kriegen sind - manche kenn ich nur aus den besetzten häusern meines vertrauens und aus meiner lieblingsbuchhandlung;-) - hab ich mir mal auf den wunschzettel für geburtstagslesestoff geschrieben :cool:
Nachtschatten
29.06.2005, 12:04
Dachte ich mir, dass Dir das gefällt :cool:
Ich mag dieses Interview mit den Glücklichen Arbeitslosen sehr:
http://www.fingerweb.org/finger8_12/finger9u10/finger10/organisiere.html
Vor allem die Sache mit den Liegestühlen bei der Demo für Arbeit und der Tauglichkeitstest für Arbeitslose...
Nachtschatten
die sägefischin
03.09.2005, 20:50
http://www.taz.de/pt/2005/08/29/a0180.nf/text
einmal wieder rausgekramt ... diesen artikel hab ich mir in der print version (habe die taz im abo) eine woche lang aufbewahrt - um den richtigen zeitpunkt zu finden, diesen mit der nötigen ruhe zu lesen ...
ein erhellender bericht darüber, daß die würde des menschen faktisch bei der arbeitsagentur nicht mehr existent ist ... hut gezogen vor der anonymen sachbearbeiterin der arbeitsagentur, die sowas mal öffentlich macht ... das sollte eigentlich per flugi in jeder fußgängerzone verteilt werden!
Fahrenheit
03.09.2005, 22:49
Es wäre ziemlich naiv zu Glauben Gesetz wäre gleich Recht. Hier übertritt der Staat die Grenzen. Wenn der Staat Unrecht zu Recht macht. Ist es meine Pflicht mich zu wehren.
Und als man sah, daß dem Recht nicht zur Macht verholfen werden konnte, verhalf man der Macht zum Recht.
Traurig aber wahr.
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