Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigene Texte
melusine
20.07.2004, 10:35
Ich habe ja schon ein Gedicht von mir in das Forum gestellt, das Mohnblumen-Gedicht (vom 3.6.1996). Schreibt ihr auch Gedichte oder Kurzgeschichten? Ich bin gespannt.
Hier noch ein kleines Gedicht von mir zur Aufmunterung, auch etwas zu schreiben:
Paradox (2.4.1999)
Du weichst ab von mir
Du sagst
Ich bin kalt
Merkst gar nicht
Dass ich Deine Wärme brauche
Um auftauen zu können.
Liebe Grüße,
Melusine
melusine
20.07.2004, 17:48
Vielleicht hätte dieser Beitrag eher in "Literatur" gepasst?
Habe das heute Morgen übersehen, sorry!
Melusine
Es passt eigentlich in beide Themenbereiche. Passt schon ganz gut hierher.:)
Hallo Melusine,
ein trauriges Gedicht ...
Das, was es beschreibt, trifft auf mich zu, wenn ich weine: Dann sehnt sich alles in mir nach Wärme und Zuwendung, aber ich kann niemanden an mich ranlassen, zumindest nicht gleich - und das sind widersprüchliche Botschaften für meine Mitmenschen. Paradox. :rolleyes:
Schreibt ihr auch Gedichte oder Kurzgeschichten?
Hier schreiben ja so einige. Was ich richtig klasse finde. :)
Ich selbst weniger Gedichte, mehr Kurzgeschichten.
Liebe Grüße!
Diana
ist bei mir genau andersrum: eher gedichte, seltener kurzgeschichten (aber mit der zeit werden es dann auch mehr). und drama-ideen sammele ich noch, vielleicht entsteht ja mal was draus.
werde mich sogleich auf die suche nach dem mohnblumen-gedicht begeben; und bin außerdem gespannt auf mehr selbstverfasste texte ... :)
Bei mir sind es momentan weniger die Gedichte (hin und wieder schreib ich welche). Ich schreibe an einer längeren Geschichte. :)
melusine
20.07.2004, 22:58
@ Dreamer: und ich habe immer noch keine Leseprobe erhalten ;-)
Liebe Grüße,
Melsuine
melusine
20.07.2004, 23:05
@ Diana: würde mich auch über eine Kurzgeschichte freuen ;-)
Die meisten Texte, die ich schreibe, sind traurig. Aus der Melancholie kommt bei mir oft die Kreativität. Das Gefühl, das Du beschreibst, wenn Du weinst, kann ich gut nachempfinden.
Hier ein Gedicht vom 15.5.04
Apokalypse
7 Zeichen
unsichtbar
Der Himmel
Hat sich nicht verdunkelt
Und doch
Ist es kälter geworden zwischen uns.
Babylon
ist gefallen
ich stehe da
Sprachlos
im Dschungel der Gefühle
halt mich fest
und
lass mich los.
Liebe Melusine,
schön dass du dich traust, eigene Gedichte zu posten. Ich schreibe auch Gedichte, ab und zu Märchen und andere Texte. Wo finde ich denn dein Mohngedicht? Ich habe leider nicht die Zeit, das ganze Forum durchzusuchen. Verrätst du es mir?
Und hier ein Mohngedicht von mir:
mohnleuchten
deinen
blick suchen
im wogenden lebensfeld
der mohnblumenrot
nur mir
leuchtend winkt
ihn finden,
und erkennen
um
im augenblick
unseres tanzenden lächelns
loszulassen
sein
geheimnis
bewahren
und gewiss sein
dass
in einem
bruchteil der zeit
sich
seelen berührten
©A.R.
Eiskristallin
21.07.2004, 01:30
ich schreibe auch hin und wieder gedichte (deutsch und englisch) und englische songtexte. sind aber nicht gar so toll.
ich schreibe auch hin und wieder gedichte (deutsch und englisch) und englische songtexte. sind aber nicht gar so toll.
yep, daran versuch ich mich auch. das schreiben von lyrics geht mir relativ leicht von der hand, aber das vertonen ... nee, davon bin ich noch meilen entfernt. den traum vom songwriting gebe ich trotzdem nicht so leicht auf.
melusine
21.07.2004, 13:37
@ angie: ich habe es im Zusammenhang mit den Avantars schon mal gepostet, hier ist es noch mal:
Kein Vergleich oder die Mohnblume (3.6.1996)
Es war einmal eine kleine Mohnblume.
Eigentlich war sie sehr schön
mit ihren leuchtend roten zarten Blättern
und ihrem schwarzen Köpfchen.
Doch das wollte sie nie sehen.
Sie sah immer nur ihren kümmerlichen krummen Stängel
und bedauerte, dass sie nicht so gut roch wie die Rosen,
in deren Nähe sie stand.
Sie verglich sich oft mit ihnen
und wurde dann immer sehr traurig.
Neben ihnen kam sie sich fehl am Platz
und sehr schäbig vor.
Außerdem schienen alle nur Rosen
schön zu finden.
Sie waren das Ideal einer Blume
und eine Mohnblume ja nur ein Unkraut.
Das verzweifelte die kleine Blume
und sie schämte sich
und ihr weicher biegsamer Stängel
wurde noch krummer.
Doch eines Tages kam jemand,
der mochte sie so wie sie war
und sagte ihr,
dass Rosen Dornen haben.
Dein Mohnblumen-gedicht ist wunderschön. Es berührt mich sehr, dass andere Menschen auch Mohnblumen-Texte schreiben
Liebe Grüße,
Melusine
Liebe Melusine,
ja, jetzt erkenne ich deinen Text. Ich habe ihn schon gelesen, aber eher als Geschichte abgespeichert, als ein schönes Märchen. Es freut mich, dass dir mein Mohn-Gedicht gefällt. Vielleicht finden wir hier ja einen fruchtbaren Austausch.
l.G angie
Eiskristallin
21.07.2004, 20:07
uiui, dreamer...mohnblume...mußt du unbedingt lesen :)
@ Dreamer: und ich habe immer noch keine Leseprobe erhalten ;-)
Liebe Grüße,
Melsuine
Ich weiß, die kommt noch;-)
uiui, dreamer...mohnblume...mußt du unbedingt lesen :)
Das von melusine kannte ich schon ;) , aber das von Angie noch nicht.:)
Danke!
Wäre mein Herz eine Lerche,
so würde es singen
und mein Lied hinaustragen
in deine Himmel
Wäre meine Haut der Sommer
ihr Schimmern würde
deine Seele streicheln
und Heiterkeit säen
Wäre mein Körper ein Baum
würde sein langer Schatten
dir Kühlung bringen,
wo Sonne zu sehr brennt
Wäre meine Stimme ein Bach,
der aus tiefen Quellen sprudelt,
sie würde flüstern und raunen
in dir - wie ein Freund
Wäre meine Seele ein Wind,
sie würde dich umschmeicheln
und Schatten vertreiben,
die den Blick dir trüben
Danke, dass ich heil
mittendrin und dabei bin
und diese grenzenlose Freude
teilen darf - mit dir
©A.R.
Mit diesem Gedicht verabschiede ich mich für eine Woche und fahre an die Seenplatte bei Berlin. Laßt es euch gut gehen.l.G. Angie
melusine
02.08.2004, 16:20
@ angie: ein positives gedicht, gefällt mir!
Liebe Grüße,
Melusine
Ich, die INSEL . Text des Wasserzaubers
Der See, auch wenn es meinem Chef nicht paßt, zieht mich an. Weit hinunter gehe ich, so dicht ans Wasser wie möglich. Hans, als dein Doktorvater sage ich es dir, du hast einen Sprung in der Schüssel. So Prof. Butenschön. Dabei weiß er, daß man diese Kräfte messen kann. Ich klappe das KINEMETER auf und richte es auf den See. Schräg nach unten. Ich spüre Kräfte. Das Kinemeter zeigt sie an. Auf dem Display klettert der McH-Wert eifrig, heute bis 7,07 nanoMcH (nach Ellister McHaunty). Dann bewegt sich nichts mehr. Mir ist kalt. Eigentlich seit damals, als es geschah. Ich erzähle der Reihe nach.
[ 1 ]
Es begann mit dem Kongreß in Oberwasser. Mein Chef nahm mich aus der Hauptstadt im Wagen mit. Hans, wir haben ein Problem. Die Exponate müssen aktiviert werden, eine Stunde vor der Präsentation. Wir sind auf das Labor angewiesen.
Wir näherten uns der Grenze. Eine niedrige, feuchte Landschaft. See lag an See. An den Ufern, ringsum, Weiden mit Kugelköpfen. Sie strecken ihre Äste wie Finger in die Luft. Hier gibt es sie noch. Im Haus spukt der Buzemann unter dem Dach, und im See lebt eine Wasserjungfrau. Undine, aus dem See steigt sie an Land, wählt sich einen Menschenmann, für eine kurze Weile bis zum schlimmen Ende.
[ 2 ]
Wir erreichten unseren Bestimmungsort. Im Tagungsraum sah ich später ein ganzes Bord mit Büchern über den Landstrich und seine Unheimlichkeiten. Butenschön hatte es eilig. Wir gingen in das Labor, drei Arbeitsplätze, Blick auf den See. Mein Chef öffnete seinen Metallkoffer. Wer von Ihnen traut sich das zu?
Zwei langbeinige Mädchen starrten uns an. Dabei waren sie aus der Hauptstadt. Auch die Dritte sprach nicht. Sie war klein und dunkel. Mir, dem Systematiker, gelang es nicht, sie einzuordnen. Sie war, das sah man, aus der Gegend. Später erfuhr ich: Aus dem letzten Dorf kam sie, dicht vor der Grenze, unten am See.
Sie sah nicht Butenschön, sie sah mich an. Sie sprach nicht. Sie nahm die Exponatsträger aus dem Koffer. Der Chef gab ihr den Sicherheitsbehälter. Silbrig schimmerte das Metall. Licht kam von der Speziallampe, nicht von draußen. Über dem See stand die Luft in milchigen Streifen.
Mit dem Mundschutz sah sie aus wie eine, die dazugehört. Kraft hatte sie. Ohne Werkzeug, mit bloßer Hand öffnete sie den unter Vakuumdruck verschlossenen Zylinder mit den Proben. Als Butenschön ihr Anweisungen gab, arbeitete sie ohne Zögern und fast ohne hinzusehen. Blickte durchs Fenster auf den See. Vor ihr in drei Schalen die Nährlösung. Wie exakt sie portionierte: Tropfen für Tropfen fiel, nach knappem Fingerdruck. Die Pipette bewegte sich nicht, nur der Gummibalg.
Perfekt, sagte Butenschön. Er bat sie, ihm bei der Präsentation im Plenum zur Hand zu gehen. Sie stand, die Fremde im Team, unbewegt. Wie klein sie war.
[ 3 ]
Die Tagung lief ab. Begriff ich, was geschah? Sie, im Hemd der Pioniere, den Kragen weit aufgeschlagen, machte Fotos von allen. Sogar beim Referat des Frauenhofer-Preisträgers kam sie nach vorn. Frech fand man das, wie sie halb auf dem Tisch liegend ihre Bilder blitzte.
Der Vortrag rauschte an mir vorüber. Reflektorisch zuckte ich im Blitz-Rhythmus mit. Sah auf sie, die nun ins Labor ging. Mit den Exponaten zurückkam. Noch in der Tür und auch später traf mich ihr schneller Blick. Dunkles Zentrum im Augenweiß. Schwarze Strippchen wippten ihr in die Stirn. Sie sah wie ein Junge aus.
Ich dachte an den Waldgeist im Sommernachtstraum. Dieses Zwiegeschöpf. Jedes Ding bekam einen Kick. Beim Eishockey springt der Puck auch so über das Feld, ohne Schwerkraft.
[ 4 ]
Ich will von der Insel sprechen. Es geschah am Ende der Tagung. Sie drängte sich in die Teeküche. Tschuldigung. Kehlig sprach sie. Sie griff sich ins nasse Haar. War schwimmen. Die Worte kamen gequetscht. Sie stand tatenlos. Hielt die Tasse. Unentwegt, bezwingend, sah sie mir in die Augen.
Ich schlug ihr spontan ein Treffen vor. Jetzt hatte meine Stimme das Kratzige. Ich dachte an Babelsberg, wo ich bereits ähnliche Dinge arrangiert hatte. Nicht dort, sagte sie. Treffpunkt: Die Insel.
[ 5 ]
Ich fuhr los. Hinter Oberwasser ging es immer weiter abwärts. Dann kam das Schild, schwarz auf gelbem Grund, UNTERWASSER. Ich war am Ziel. Mehr hatte sie mir nicht gesagt. Nur mich gewarnt: Geben Sie acht, der See ist tief. Warten Sie auf mich auf der Insel. Ich werde von der anderen Seite kommen.
Ich quartierte mich im Gasthof ein. Als erstes ging ich zum Ufer. Alles war zugewachsen. Wo das Schilf sich öffnete, sah ich sie mitten im See: Die Insel. Mit Gebüsch, Bäumen, Gestrüpp, Flächen und Wald. Vorn ein Streifen Sand, Inselufer, gelb. Die Sonne stieg.
Im Gasthof schickte man mich zu Fischer Bollmann, der mir den Kahn zeigte. Ziemlich groß, sagte ich, wir sind nur zu zweit. - Na, sagte er, ich lege ihnen ein paar Kissen hinein. Er grinste. - Drüben auf der anderen Seite, was ist da? - Der Fischer kniff die Augen zusammen: Da gibt es nur Quicken, Sand und dann kommt Heide. Da wohnt keiner.- Und auf der Insel? - Bollmann grummelte, spuckte seinen Priem aus: Da sind nur Schweine.
[ 6 ]
Vom Wirt hörte ich, daß die Dorfjungen ein Geheimnis haben. Auf der Insel im Unterholz wachsen sonderbare Pilze. Sie haben Knollköpfe, häßlich ausgestülpt. Bei manchen sind die Stengel hohl, schlauchig. Feuerrote gibt es, aber auch leichenblasse, giftgelbe. Gruselig die länglichen Totentrompeten. Die Jungen sind aber auf nur einen Pilz aus. Es heißt, er drehe den Mädchen das Herz um. Selten ist er, und wer ihn mit dem Messer schneidet, der verdirbt ihn. Ausgegraben, schwillt er an, ein richtiger Protz-Stulpen. Aber die Wirkung bleibt erhalten. Nur sieben Sudtropfen vom Höswurz oder Knabenkraut, und du erliegst dem Liebeszauber.
[ 7 ]
Ich stand auf der Insel und schaute zum anderen Ufer. Ach, die andere Seite. Nichts tat sich. Ein Ausflugsboot kam vorbei. Mir wurde die Zeit lang. Ich hörte ein Wassergeräusch. Mit der einer Hand ruderte sie. In der anderen hielt sie ein Plastikbündel hoch. So schwamm sie heran. Sie sah mich längst. Auch die letzten Meter blickte sie mich an. Stieg an Land. Ich sah, wie reizvoll sie war. Ihr Gang ohne Schwerkraft. Große, wasserhelle Augen. Die Haut dunkel. Ich sah ganz anders als meine Eltern aus. Sie haben mich weggegeben, sagte sie.
Sie breitete sich in der Sonne hin, lag im Licht, nackt, voller Leben. Dicht rückte sie heran, sie duftete wie die Meeresfrüchte, die ich bei San Angeli gesehen hatte, auf der kleinen Fischermole. Oder was für ein Duft war es? Ein Geruch von weit her.
Ich hielt ihre Hand, faßte ihren Arm. Wie kalt sie war. So bin ich immer, sagte sie und schüttelte sich das Wasser aus dem Schopf. Die Tropfen rannen ihr von der Nase auf den bewegten Mund. Ich schaute immer hin, immer drauf, auf dies Lippenpaar.
[ 8 )
Ich wich zurück. Sie mit ihrem kurzen Leib, in sich gespannt wie eine Kugel, hatte schwingende Kraft. Sie zog mir die Unterlippe in die Länge. Sie küßte mich. Nicht im Zusammenschluß der Münder, sondern irgendwie einzeln. Sie schaffte es, mir unten Luft zu lassen. Ein Ziehen und Gezogenwerden. Ich geriet immer mehr zum Ufer. Im Rutschen, im Gedrücktwerden schauderte meine Haut.
Von ganz woanders, schien mir, kam ihre Stimme. Zur Insel mache ich dich. Kurzbeinig, umschlang sie mich gänzlich. Ich lag wie in einer Höhle von Eis. Sie nahm mir Wärme. Sie verflüssigte sich. Sie floß in mich hinein, mischte sich in mein Blut. Dann, stoßweise, schwamm sie bis in mein Herz.
Es tat weh. Zugleich war mir unendlich wohl. Sie ließ ihre Kraft an mir aus. Licht war in der Umschlingung. Sie sprach. Die letzte Landzunge, sagte sie. Sie speiste mir Energie zu. Sie nahm mir die Luft. Ich fiel aus Raum und Zeit. Drehte mich, fiel in Wirbeln, traf auf einen Grund, Schneefeld: ich, von Licht überschüttet nach langem Winter.
[ 9 ]
Ich erwachte, hörte ihre unentrinnbare Stimme: Die Sonne! Gut für dein Sensorium. Sie faßte mich mit den Schneidezähnen. Ein Lebensvorrat, sagte sie, ein Guthaben. Eine Insel bist du jetzt. Unerreichbar. Ohne Landverbindung.
Dunkel roch sie, nach Untergrund. Geruch des Modders, in den hineinsinkt, was in der Höhe bricht. Sie war eifrig. Ganz naß machte sie mich mit dem, was ihr aus dem Munde lief. Nun wußte ich, es war, was aus aus dem Boden der Tiefe nach oben kommt.
[ 10 ]
Das Ende war traurig. Sie wollte nicht in mein Boot. Ich hatte es vorsorglich für zwei Tage gemietet. An patschnasser Hand zog sie mich zum kleinen See in der Mitte der Insel. Im Schatten, schwarz, lag er unter Bäumen. Unergründlich in seiner Stille und Tiefe. Ich kühle mich ab, rief sie. Belustigt, trotzig ihr Blick. Strippchen wippten ihr über die Stirn. Sie sprang.
Die Spannung, Hans! So rief sie. Dann glitt sie hinab, verschwand.
Lange stand ich noch. Sah aufs Krummholz der Eberesche. Schwarze Wülste. Langwurzeln. Sie richteten sich auf. Bogen sich nach mir hin.
[ 11 ]
Als ich den Kahn zurückgab, holte Bollmann die Kissen heraus, trug sie in den Schuppen, schob sie ins Wandschapp. Links davon ragte an verrostetem Haken eine Baumwurzel in den Raum. Kreuz-quer verschlungenes Schwarzholz, knollig und verwarzt. Wilde Wurzel, Greiferin.
Ich wich zurück. Bollman legte mir die Hand auf die Schulter. Er wies mit dem Kopf hinaus. Die Angst hielt mich fest. Zuerst sah ich nur den See. Und dann, in seiner Mitte, ohne Landverbindung, drohend Gebüsch, Baum, Strauch, Zeigefinger gegen den Himmel, die Insel.
(WILHELM FINK)
Dieser Thread hat mich zu einem Text inspiriert: "HSP und gesellschaftliches Männer- und Frauenbild" Er ist allerdings heftig, aber ich stehe durchaus zu meiner heftigen Seite
Klare Sicht
Hör gut zu!
Ich sag´s nur einmal
Was glaubst du
Wer du bist
Der liebe Gott?
Du Mensch, du Mann
Ich will leben
Und meine Wege gehen
Und nichts,
Nein auch nicht du,
So wichtig du mir auch bist,
Wirst mich hindern
Ich habe doch nur
Dieses eine Leben
Und sollte ich irren
- Ich irre -
Es ist mein Schmerz,
Mit dem ich bezahle
Du willst mir vorschreiben
Wie ich sein soll
Das kannst du nicht
Nur ich weiß
Wie ich wirklich bin
und was ich will
Bang bist du!
Ich sage ja nicht
Du sollst gehen,
nein, ich mach mich auf den Weg
Ich wage die Freude,
Den Schmerz
Angst, mich zu verlieren?
Vertrauen
Gehört dazu
und Mut
Auch du,
Mit deiner Angst,
Die ich dir nicht
Nehmen kann,
Nährst dich von dem
Was ich lebe
©A.R.
Tiefseetaucher
26.09.2004, 18:30
Hallo,
also gefällt mir gut,war auch nicht anders zu erwarten,wenn sensible Menschen schreiben.Ich denke,jeder sensible Mensch hat genügend Wahrnehmungen,Stoff aus dem er/sie Geschichten formen kann,die mitnehmen auf den Grund,in den Schlund hinein,durch Mark und Bein.
Also nun mein Beitrag:
Blicke fliegen vorbei,
Blicke streifen,Geschoße von Blicken,
es ist wieder einmal eine alte Wunde aufgebrochen und er kann den Schmerz nicht stillen,
gefangen in dem Menschenmeer,
er richtet seinen Blick wie einen Suchscheinwerfer nach vorne,
auf der Suche nach der Insel der Ruhe,
er wünscht sich an solchen Tagen,
er wäre weniger sehnsuchtsvoll und neugierig,
sondern sachlicher und unnahbarer,zumindest nach außen,
vorbei an den nichtssagenden? Blicken,
er weiß es nicht,
kann ein Mensch so schnell emotionale Signale aufnehmen?
der Blick hat sein Ziel gefunden,er hat sich an sein Ziel geheftet,
hineintauchen,aufblühen,den Blick schweifen lassen,
die Motoren herunterfahren,der Horizont weitet sich,
er fühlt sich frei,von was?
MAEDCHENHAFT, 40
Wird uns beiden das gechlorte Wasser zu viel? Reizt es uns? Wir schlagen die Häute über die Augen. Immer wieder sind wir unterwegs: in den Single-Club, auf die Freizeit-Terrasse, in die Schwimmoper.
Ach, Sigrid. Letzten Donnerstag sah ich das erste Mal deine Schwimmkünste. Wie du auftauchst. Wie du hochkommst, an den Beckenrand. Wie du dir das Wasser aus dem Haar schüttelst. Warum pustest du so die Luft aus dem Mund? Weil sie dir fehlt: die saubere Nasenatmung. Sigrid, ich mag deine verschleierte, schleppende Stimme! Deine Stimme hat Dreher und Schleifen. Das macht mich ganz schwach. Ich bin überhaupt kirre, seit ich dich kenne und mit dir in Hamburg unterwegs bin.
Wir zappelten zwei Schritte vom Ozean. Wir stiegen in U-Bahnschächte und stritten uns. Spät am Tag saßen wir noch am Innocentia-Park auf der Bank. Viele unruhige Teufelchen tanzten am Horizont und machten in der Ferne Krach. Was zählt, ist dies: Warum sind wir immer so isoliert? Warum gibt es keinen Kreis? Du, Sigrid, immer so "nur für dich", ohne Partner.
Ich kam nicht klar. Ob sie glücklich war? Sigrid hatte drei Ehen hinter sich, immer Rechtsanwälte. Sie wartete, bis ihre Kinder schliefen und tanzte im Bocaccio. Dieses Tanzlokal mit Tangobeleuchtung, das es heute nicht mehr gibt. Ich verstand Sigrid nicht. Sie, so reizvoll, schleppte, wenn sie sich in der Silvesternacht allein fühlte, einen Mann ab. Einmal im Jahr fuhr sie nach Bayreuth. Ihr Arzt nahm sie mit. Sie trug das lange Kleid, das er ihr jedes Jahr für diese Reise schenkte. Richard Wagner. Der riß sie hin.
Wo traf ich Sigrid? In Eimsbüttel, im Club 2000. Ach, die Gruppe. Der Single-Club. "Ball der einsamen Herzen", daran mußte ich denken: so hieß mal ein Film. Und dann privat. In der hellen Etagenwohnung waren wir alle bei Eva-Maria. Sie, die kleine, füllige Witwe eines Eisenbahners, klagte: "Ich bin so sinnlich". Sie begann, allein zu tanzen. Vor uns. So ohne weiteres. Die Tahiti-Musik ("Schöne Maid, schöne Maid") war voll aufgedreht. Im Tanz berichtete Eva-Maria uns: "Er will es immer, mein Bekannter, in Afrika war er Häuptling."
Sie tanzte heftiger. Ihre kurzen Arme, ihr Schwung, ihre Vitalität: Wie alles schwankte, im Werfen nach hinten, im Seitwärtsschwung: ihr Busen, der mich dauernd über die Statik nachdenken ließ, - warum diese Frau nicht nach vorngezogen zu Boden fiel ...
Sigrid war gern unter Leuten. Im Ballhaus Barmbek tanzten wir, und ich mochte sie sehr und faßte sie am Kopf, aber sie sprach: «Man greift einer Dame nicht ins Haar!»
Sie war so blond wie möglich. Ich wollte es gar nicht glauben, daß ihr helles Haar nicht Natur war. Sie war eine Hellhaut wie sie im Buche steht, eine Norddeutsche am ganzen Körper, mit hellen Fingerkuppen an der super-schmalen Hand. Wie schnell ihr das Rot ins Gesicht schoß! Sie war behende und liebte Richard Wagner. In Krach und Schicksal saß ich brav neben ihr in der Staatsoper und wurde im Getöse immer kleiner: es gab die "Walküre".
Ich war sehr verliebt und ging am Landwehr-Bahnhof zu ihr. Ich durfte zu Sigrid nur in die Wohnung kommen, wenn ihre beiden Kinder nicht da waren. "Prinzipien", sagte sie und nahm die Rotweinflasche aus dem Schrank. Ich bekam zu trinken, aber nicht aus dem Glas. Er wurde mir, Rotwein aus Mädchenzähnen, "zugeküßt". Übermut, der mich anprustete. Sigrid brachte es mir in dieser Nacht bei, einen Schluck zu nehmen, und dann lippenöffnend im Kuß den Wein der Liebsten zuzuspielen. Austausch: Mir wurden die Knie weich.
Hatte ich zuviel Sehnsucht? Sie war verwirrend schmal, lebendig, weiblich. Gelang mir die Liebe, zog sie die Lippen kraus: Sie lobte mich nicht, sondern sprach mit ihrer gedrehten Stimme: «Haben Sie da einen Knochen?»
Ich mochte an Sigrid auch besonders ihre Telefonstimme. Wenn ich in der Devisenabteilung anrief, war es hinreißend, das "Auf und Ab" zu hören. Ein Singsang war es, östlich. Ein Steppen- und Wüstenklang. Ich war der lauschende König Salomo, fand ich, und die Stimme kam mir vor wie Batseba im Bade. Und Sigrid war frisch und hell. Im Lachen, im Nettsein: eine Zauberin des quicken, sauberen Glücks!
Sigrid, eine perfekte Hausfrau: Alles hübsch, alles frisch. Sigrids Hände waren schmal, eine Kinderhand mit zarter Kriegsbemalung auf den Nägeln. Wie diese Hände das Leben meisterten. Ein Frauenleben, das ich nicht verstand. Ich wollte mehr.
Ich warb um sie. Sie wich aus. Ich setzte ihr zu. Ich unternahm es immer wieder: sie zu gewinnen. Schließlich überwand ich mich. Was würde mir ihre Telefonstimme sagen? Ich rief sie an, in der Devisenabteilung. Ich sprach zu ihr, in angstvoller Erwartung der Antwort.
"Sigrid, wir treffen uns in der Altstadt beim Mann. Der Mann, der im Fenster sitzt beim Hämmern und Schmieden. Er legt dir Silber um den Hals. Silber für länger. Für immer."
Noch heute höre ich den schwingenden, bis ganz ins "Hoch", in das oberste Oben steigenden Ton. Sie sang ja geradezu. An das "Sie" war ich ja gewöhnt vom Rotweintrinken. Doch was sagte Sigrid zu mir? - «Nun machen Sie mal nicht so eine große Suppe daraus!»
* * *
Hinaus auf 's Schlachtfeld, meine Brüder und Schwestern!
Hier sind wir nun. Am Ort der Kreuzigung! Dem Fleck des Universums, dessen man sich am meisten schämen sollte! Was für eine Schande! Welch verschwendete Müh'!
"Jeder ist sich selbst am nächsten"! Was für ein Leitspruch bitte soll das sein?!? Was für Schwachköpfe rennen nur auf diesem Planeten rum?! Ich hasse diese Welt! Geplagt von Leid, Einsamkeit und persönlicher Zerstörung, getrieben von dem Wissen, dass man all dem nicht entkommen kann, begibt man sich in die Kette fortwährender Ideologie. Die Geschichte zeigt uns, was passiert, wenn man sich einem Führer unterordnet, aber die Menschen haben scheinbar nichts daraus gelernt. Sie brauchen einen Führer. Einer, der den Ton angibt! Der reden kann, ohne etwas zu sagen, der Versprechungen macht sie jedoch nicht vermag einzulösen, sich nicht einmal als Lügner tituliert! Warum wird man von der Welt aufgefressen, wenn man aus der Reihe tanzt? Ist die Traurigkeit das einzige, was einem bleibt, wenn man sich dem System nicht fügen will? Ist Ideologie gepaart mit Narzissmus die Form all derer, die Macht auf uns ausüben? Und was ist mit dem Kapitalismus? Eine gesunde Mittelschicht gibt es schon nicht mehr. Entweder ist man arm oder so scheiße reich, dass es stinkt! Ich könnte kotzen! Diese scheiße Welt bringt mich um! Ich hasse sie! Wohin soll all das führen? In naher Zukunft werden wir unsere Erde genüsslich zu Grunde gerichtet haben, wenn wir so weitermachen! Das einzige, was wirklich noch zählt, ist Macht! Alles nichtig, nur Macht herrscht vor! Das Geben und Nehmen, die Aufopferung für seine Liebsten, all das ist aus den Köpfen vieler verschwunden. Vielleicht ist die Hoffnung des Besseren in den Köpfen meiner Leidensgenossen vorhanden, aber nicht in den Köpfen all derer, die unser Land beherrschen.
Überhaupt gibt es wohl wenige meiner Spezies. Zertrampelt auf dem Pfad der Gefühle, gedemütigt vom Leben, gepeinigt von den Menschen. Hoffnungslos schau ich auf die Welt hinab und schüttle nur bewegt den Kopf. Nein, das ist es nicht, was ich möchte. Die Ironie all dessen liegt im Wetter dieser Tage: die Sonne scheint! HA! Wozu haben das die Menschen verdient?! Soll es regnen bis die Welt untergeht! Jawohl, dass wär's doch! HA! DAS würde passen!
Wohin soll uns dieser Weg nur führen...?
Selbst verfasst vom kleine Flo (Juni 2004)
hinübergetragen
du erhältst die stillen am leben
und wie den willen
brichst du auch mich
so hals- und herz-
und lebensbrecherisch
so halst du mir den tode auf
und lässt mich ringen um atem
doch ich breche mit lebensmüdigkeit
und mein gebrochener wille
trägt sich hinüber in ein wacheres morgen
so halte ich den tode auf
und breche mit gedanken an das müde heute
was mich bewahrt
ist sucht danach
ewig auf der suche zu sein
ich überlege
und breche die stille
nach sinnen mich sehnend
nach tuchfühlung trachtend
mit dem letzten willen zu atmen
dann wird dich brechen: das ich
und das leben wird überlegen sein
und das müde gestern holt mich nicht ein
und das, was von mir übrig ist
rette ich hinüber in ein nächstes morgen
JO
Nimm dich an.
Sei du die, die du bist.
Sei du der, der du bist.
Erst dann fängst du an, zu werden,
was du sein möchtest.
Versteh deine Schwächen,
erst dann kannst du mit ihnen arbeiten
und sie zu stärken verwandeln.
Setz deine Stärken so sein,
daß du noch zerbrechlich bleibst,
und niemand unnötig abschreckst.
Achte auf deine Unsicherheiten,
sie öffnen dir Wege in neues Land.
Und vergiß nicht zu träumen,
dir eine Welt vorzustellen,
in der Liebe mehr Platz hat,
in der die Hoffnung nicht aufhört
und der Friede die ganze tiefe Sehnsucht
aller Menschen ist.
Daß du träumen kannst,
ist eine Gabe.
Deine Energie wartet darauf,
vor deinen Träumen gespannt zu werden.
Setz dich ein für das,
was du glaubst.
So wie du deine Nachtträume bist,
so bist du auch deine Wachträume.
Niemand träumt wie du,
und niemand verwirklicht deine Träume
so wie du.
@lea
ein wunderschöner text :)
Alles ganz wunderbare Gedichte und Kurzgeschichten. Tolle Inspiration! :)
Lieben Gruß aus Berlin
Flo
Werdet ihr mich je verstehen?
als mein Lächeln kleiner wurde
sich die Freude fast ganz verlor
und Worte in Schweigen fielen
habt ihr weggeschaut
als meine Gedanken immer öfter fortgingen
nur noch mein Körper da war
meine Seele in eine Schlucht stürzte
wolltet ihr nicht hinschauen
als ich durch Nebel irrte
mit der Dunkelheit kämpfte
und meinen Hoffnungsstern suchte
zerbrach Verbindendes
als ich weit entfernt auf einem Berg stand
wieder Licht sah
begriff, was Liebe wirklich ist
baute ich eine schwingende Brücke
bered mit anderen Worten bin ich wieder da
ihr schaut mich mit fremden Augen an
denkt, sie kommt von einem anderen Stern
doch bin ich nur gewachsen, noch immer ICH
© A.R
Heute spinne ich...
einen langen Faden für mich
aus Wolkenfetzen und Sternenlicht
und dem vollen Mond - vertraut und nah
aus Nebelgrau und Himmelblau
und dem Lächeln in deinem Gesicht
einen festen Faden für dich
aus sprechenden Steinen und wilden Gärten
aus Herzkirschenküssen und Apfelduft
aus flüsternden Quellen und stürmischen Winden
und Silbertränen - heimlich geweint
einen dichten Faden für euch
aus leuchtenden Tagen und dunklen Nächten
aus Glück, das überraschend winkt
aus verborgener Angst und Liebeslust
dem warmen Blut fühlender Herzen
einen weichen Faden für uns
aus bunten Träumen und Seelenwünschen
aus Hoffnung, Trauer und Hirngespinsten
aus Worten, Werken und aus der Musik
und aus tiefer Sehnsucht nach EDEN
© A.R.
wortgärten
schau nur
zwischen den worten
des scheidenden jahres
duften verwunschene gärten
träumen von neuen liedern
die mit klang ein herz betören
und in blauen stunden
zauber und vergessen schenken
©A.R.
akrobatischer spitzentanz
wie die spinne
balance hält
im seidigen netz
spannung! - absturz?
gerade noch geschafft
gleicht heut der tag
im wechselspiel von
fliegen und fallen
einem hochseilakt
zwischen himmel und erde
in spitzenkleid und stöckelschuhn
©A.R.
Immer weiter
I
Ihr überraschender Besuch löste große Freude in ihm aus, daran bestand kein Zweifel. Jedoch beschäftigte ihn die Frage, warum er diese Freude empfand. Während er gerade drohte in dieser komplexen Frage, ebenso wie im Anblick ihrer zauberhaft verträumten und zugleich verletzlichen tiefblauen Augen, zu versinken, erweckte sie ihn aus diesem unkommunikativen Zustand, indem sie ihm einen Joint zwischen seine Finger schob. Nach einigen kräftigen Inhalationen registrierte er ziemlich rasch, dass es ihm nun leider noch schwerer fiel ihren Ausführungen über die deutsche Graffiti-Szene konzentriert zu folgen. Ihre Worte kamen einfach nicht gegen seine Gedankenströme an. Freute er sich darüber, dass sie ihn aus seiner verhassten Einsamkeit riss oder übermannte ihn nur die triebhafte Vorfreude auf den sehr wahrscheinlichen Sex mit ihr? Vielleicht hing aber auch alles mit seiner Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, nach einem warmen Körper, der neben einem liegt, und so Ruhe und Sicherheit gibt, zusammen. Gedanken über Gedanken. Vermutungen über Vermutungen. Mutmaßungen über Mutmaßungen. Eventuell ergötzte er sich ja lediglich daran, begehrt zu werden, um sein lädiertes Selbstwertgefühl etwas aufpolieren zu können. In welche Richtung sich seine Argumente auch bewegten, eines hatten sie gemeinsam. Sie strotzten nur so vor selbstsüchtigem Eigennutz. Aufgrund dieser Feststellung stieg augenblicklich starker Selbsthass, der ihm durchaus nicht fremd war, in ihm auf. Den Hass als Energie akzeptieren, die Energie positiv umwandeln, anstatt sie unproduktiv und selbstzerstörerisch walten lassen. Wie von selbst klinkten sich diese formelhaften Worte, die er sich seit einigen Monaten, wie es jetzt schien mit Erfolg, zu verinnerlichen versucht hatte, in seinen Gedankengang ein. Endlich nahm er, Toranaga, wahr, welch ein bezauberndes Geschöpf ihm gerade gegenübersaß und sein schlechtes Gewissen ließ sein Gesicht vor Scham erröten. Er empfand doch echte, tiefe Zuneigung für sie. Warum dachte er vorhin lediglich an sich und seine Bedürfnisse? Es war höchste Zeit ihr alles zu geben, was er ihr geben konnte. Liebe gehörte leider nicht dazu. Ihren Worten Aufmerksamkeit zu schenken, war jedoch zumindest schon einmal ein Anfang. Toranagas weitere Bemühungen, die übrigens relativ schnell gar keine mehr für ihn darstellten und ihm selbstverständlich vorkamen, da sie ja wahrlich selbstverständlich waren, führten schließlich dazu, dass sich die Lage entspannte und beide einen angenehmen Abend mit Tee, Unterhaltung, Musik, Gras und Kuscheln verlebten. Schritt für Schritt wurden aus dem Kuscheln immer leidenschaftlicher werdende Küsse. Als sie begannen sich gegenseitig auszuziehen, während sie sich wild küssend seinem Bett näherten, musste Toranaga unweigerlich an eine bestimmte Stelle eines Irvine Welsh-Buches denken, mit der er sich in gerade diesem Moment sehr gut identifizieren konnte. Wie die Hauptperson des Romans befand auch er sich unmittelbar vor einem sexuellen Akt und wie die Hauptperson des Romans hatte auch er nur eines im Kopf, nämlich ein nicht enden wollendes, sich ständig wiederholendes Fußballstadion-Mantra. „Jetzt geht’s looos! Jetzt geht’s looos!“, brüllte es in seinem Schädel. Seit er dieses Buch gelesen hatte musste er immer, wirklich immer, kurz bevor es „looos“ ging mit diesem Mantra zurechtkommen. Heute schaffte er es sich das Lachen zu verkneifen.
II
Sie lagen noch immer eng umschlungen im Bett, während das Atmen langsam leiser und unaufgeregter wurde und auch Herz- und Pulsschlag sich allmählich beruhigten. Die Nähe und Wärme, die Toranaga noch zuvor nur ersehnen konnte, durfte er in diesen Sekunden in voller Intensität spüren und genießen. Doch anstatt sich in dieser ehrlichen Geborgenheit fallen zu lassen, nahm seine Einsamkeit ungeahnte Dimensionen an. Die dadurch aufkommende Verzweiflung trieb ihm Tränen in die Augen und er begann laut schluchzend zu weinen. Trotz ihrer gutgemeinten Aufmunterungsversuche heulte er weiter. Er musste hier raus, raus, raus. Schnell zog er sich an, entschuldigte sich kurz bei ihr, worauf er sie allein in seiner Wohnung zurückließ.
III
Er lief ziellos in die mittlerweile hereingebrochene Nacht hinaus. Wie von einem inneren Drang geleitet, steuerte er auf ein in einer leichten Niederung gelegenes Maisfeld zu. Am tiefsten Punkt dieser Mulde setzte er sich schließlich inmitten hochgewachsener Maispflanzen zu Boden. Langsam begann er sich von seinem Gefühlschaos zu erholen. Allein die Anwesenheit der Nacht, der Erde und der Pflanzen schafften eine gewisse Beruhigung. Unzählige Male retteten sie ihn schon vor dem Wahnsinn, in den ihn seine Gefühle und Gedanken stets zu treiben beabsichtigten. Er konnte sich nicht entscheiden, welche von beiden ihn mehr quälten. Da gab es zum einen die Gedanken, die immer präsent zu sein schienen. Seine Freunde und Bekannten zogen ihn wegen seiner Theorien, Gehirnkonstrukte und anderen Denkereien sogar schon des öfteren auf. Dabei war es ihm doch selbst seit längerem bewusst, dass bei Gedanken immer ein fader Beigeschmack bleiben musste. Denn egal in welche Richtung man dachte, blieb es einem stets unmöglich jeden Aspekt der jeweiligen Sache zu berücksichtigen. Meist berücksichtigte man sowieso lediglich einen oder ein paar wenige Gesichtspunkte. Man konnte auf der Gedankenebene einer Sache oder Thematik gegenüber also nie gerecht werden. Was blieb war ein Gefühl der Sinnlosigkeit oder zumindest der relativen Unwichtigkeit des Denkens. Warum dachte Toranaga aber trotz dieser Erkenntnis ohne Unterlass über alles und jeden nach. Er kam sich einmal mehr wie ein Sklave seiner Gedanken vor. Und dann gab es zum anderen ja auch noch seine Gefühle, die zweite Macht die ihn unterdrückte. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass der Schlüssel zum Glück darin liegen musste die Machtverhältnisse zu seinen Gunsten zu drehen. Also wie jetzt? Er musste sich seiner Gedanken und Gefühle bemächtigen, um glücklich leben zu können. Wie sollte das funktionieren? Er kam nicht weiter. Dachte er nicht sowieso seine Gedanken, die ihn ja angeblich versklavt hatten und nie alle Aspekte aufzeigten. Er drehte sich im Kreis. Er beziehungsweise seine Gedanken hielten es für das Vernünftigste das Denken zunächst einmal einzustellen. Ein meditativer Zustand würde ihm in seiner derzeitigen Verfassung auf jeden Fall nicht schaden. So glitt er, auf der unebenen, harten Erde sitzend, nach und nach in eine naturnahe, kosmische Befindlichkeit, die ihm mehr und mehr das Gefühl gab ein Teil der Natur, des Universums, des Ganzen, ja sogar selbst das Ganze und Nichts zu sein. So oft er sich in seinem Leben auch bemühte derartige Erlebnisse in Worte zu fassen, so oft musste er sich eingestehen dazu nicht in der Lage zu sein. In solchen Thematiken konnte man immer wieder geradezu perfekt die Defizite unserer Sprache aufzeigen. Nach Beendigung der Meditation war der nach wie vor tranceähnlich benommene Toranaga nicht in der Lage abzuschätzen wie lange er letztendlich auf diese Weise verbracht hatte. Im Endeffekt war es ihm auch reichlich egal. Auf jeden Fall, und nur das war wichtig, rückte die Meditation so einiges wieder in ein anderes Licht. Sein Bewusstsein begriff nun wieder etwas besser, wie groß und bedeutungsvoll, beziehungsweise wie klein und unbedeutend, das meiste, über das er sich seine Gedanken machte, und seine eigene Person eigentlich wirklich waren. Warum sollte er also diesen ganzen Ismen in seinem und in den Köpfen anderer so viel oder sogar zu viel Bedeutung beimessen? Während er sich nun gemächlich daran machte einen Joint zu drehen, drängte sich Anna, die Frau, die sich gerade allein in seiner Wohnung aufhielt, in seinen Sinn. Diese Augen. Dieser verträumte, sehnsüchtige Ausdruck in ihren Augen. Allein der Gedanke daran zauberte Toranaga ein seliges Lächeln aufs Gesicht. Aber warum konnte er sie nicht lieben, obwohl er doch zugegebenermaßen sehr angetan von ihr war? „Ihre Schönheit, ihre Zartheit, ihre Gutmütigkeit, ihr rebellischer, kritischer Geist, nicht zu vergessen: wir sind beim Sex ein nahezu perfektes Team!“, begann er aufzuzählen. „Ich sollte zufrieden sein. Schlimm wäre es allerdings lediglich, wenn nur einer von uns beiden Liebe für den anderen empfinden würde. Aber so ist es ja Gott sei Dank oder leider nicht. Tja.“ Seufzend bröselte er etwas Gras auf den, auf zusammengeklebten Papers, ausgebreiteten Tabak. Warum sollte er auch nur einen Augenblick lang versuchen die Liebe zu begreifen. Das Thema hatte er doch schon oft genug abgearbeitet. Die Liebe war seiner Meinung nach undurchschaubar und hatte zudem immer Recht, eine Macht also, der man unterworfen war und auf deren Gunst man nur hoffen konnte.
IV
Toranaga war um Ordnung bemüht, bemüht um Ordnung in seinem Kopf. „Es gibt also drei Mächte: Die Gedanken, die Gefühle, die Liebe. Ach, nein es gibt zwei Mächte, weil die Liebe ja nur ein Gefühl ist. So ein Blödsinn! Mächte, Gefühle, Gedanken, was geht mit mir ab?“ Er stand auf und zündete den fertiggestellten Joint an. „Wie es Anna wohl gerade geht? Ich, Arsch, denke die ganze Zeit nur an mich, obwohl ich aufgrund meines Verhaltens eine tolle Frau verletzt habe.“ Am liebsten wäre er auf der Stelle vor Scham im Boden versunken. Mit schlechtem Gewissen bepackt machte er sich langsam wieder auf den Heimweg, zog gedankenverloren am Joint und trottete weiter.
V
In Niederscheyern, seinem Wohnort, angekommen fühlte er sich noch nicht dazu in der Lage in seine Wohnung zurückzukehren, woraufhin er beschloss eine Dorfrunde zu absolvieren. Sein Spaziergang führte ihn durch die leeren Straßen des Ortes, vorbei an gehegten Gärten, an der ihm suspekten Kirche, an modernen Doppelhäusern, an alten Bauernhöfen und an einem Spielplatz. Endlich entdeckte er etwas, das sein Interesse wecken konnte. Es handelte sich um ein Wohnzimmerfenster, das hell beleuchtet und leicht einsehbar im Erdgeschoss eines phantasielosen Mehrfamilienhauses lag. Indem er sich näher an dieses Fenster schlich, gelang es ihm einen Einblick in das Szenario auf der anderen Seite der Scheibe zu gewinnen. Eine etwa fünfzigjährige Frau saß, gemütlich in eine Wolldecke gewickelt, in ihrem Sessel und starrte in ihren Fernseher, der gerade eine alte Folge der Serie „Magnum“ mit dem sensationell schnauzbärtigen Tom Selleck wiederholte. Trotz des unglaublichen Schnauzers sah Toranaga jedoch nur die unendlich einsam und teilnahmslos in die flimmernden Bilder blickenden Augen der Frau im Sessel. Er konnte sich keinen einsameren Blick als diesen vorstellen. Unweigerlich umgab ihn wieder eine Traurigkeit, der er sich nicht entziehen konnte. Erst nach circa fünf Minuten schaffte er es endlich seinen Blick von ihrem zu lösen und so langsam wieder zu sich zu kommen. Diese Kostprobe der Errungenschaften unserer Zivilisation setzten ihm zu sehr zu. Als Konsequenz daraus zog es ihn nunmehr zum zweiten Mal an diesem Abend in die Natur hinaus. Am Ortsausgang überlegte er kurz, ob er über die Felder zur linken oder zum Gerolsbach zur rechten marschieren sollte. Spontan bog er nach links ab und widmete sich einer Gedankenspielerei, die schon seit einiger Zeit seine Kreativität und Phantasie anregte. „Würde mein Leben komplett anders verlaufen, wenn ich nach rechts gegangen wäre? Vielleicht wäre ich an einer unebenen Stelle unglücklich aufgetreten und hätte mir meinen linken Fuß verstaucht. In der Notaufnahme hätte ich mich sofort in die wundervolle Krankenschwester verliebt. Aufgrund des Samariter-Effekts hätte es auch bei ihr sofort gefunkt. Oh nein, wie billig, wie einfallslos! Billige Männerphantasie, Krankenschwester und so. Ich sollte mich mehr bemühen. Ah ja. Es könnte doch sein, dass ich nur glaube mich für eine Richtung entschieden zu haben. In Wirklichkeit bin ich aber ebenso nach rechts abgebogen. Eine weitere Realität, eine Parallelrealität sozusagen, die ich nur nicht bewusst wahrnehme, da der Mensch lediglich dazu imstande ist eine einzige Realität, einen einzigen Lebensweg, in seinem Bewusstsein zu begreifen, läuft nebenher ab. Es gibt jedoch unendlich viele Lebenswege, da sich ja jeder Weg immer weiter verzweigt. Dadurch gibt es mich und auch jeden anderen unendlich oft in unendlich vielen parallelen Wirklichkeiten. Ich bin bestimmt auch schon unendlich oft gestorben. Mein Charakter hat sich auf den anderen Wegen ganz verschieden entwickelt. Ob wohl irgendeines meiner Ichs schon das Glück gefunden hat? Manchmal ist es sogar möglich einen Einblick in das Leben eines anderen Ichs zu bekommen. Leider ist aber nur den allerwenigsten klar, was sie gerade erleben dürfen, wenn dies geschieht. Es handelt sich dabei nämlich um die sogenannten „realistischen“ Träume. Man sieht darin also kurze Ausschnitte aus dem Leben eines anderen Ichs und das sogar aus dessen Perspektive. Manche Ichs, beispielsweise die selbstbewussten Aufreissertoranagas, die die tollen Frauen, in die ich nur heimlich verliebt war, in ihrem Leben wirklich gekriegt haben, beneide ich sehr. Andererseits habe ich aber auch schon durch die Augen von Toranagas gesehen, mit denen ich keinesfalls tauschen möchte.“ Toranaga fand diese zugegebenermaßen haarsträubende Theorie zwar nicht hundertprozentig schlüssig, aber aufgrund ihrer verwirrenden Komplexität war er einigermaßen belustigt und fest entschlossen dieses Phantasiegebilde demnächst weiter zu vergrößern und mit Details auszuschmücken.
VI
Zurück in seiner Wirklichkeit, bemerkte Toranaga, dass er schon seit geraumer Zeit geradewegs auf einen Baum zusteuerte, der nun noch mindestens einen Kilometer entfernt stand. Es gehörte zu seinen Vorlieben sich in der Natur nicht an irgendwelche Wege zu halten, sondern einfach schnurstracks auf ein Ziel zuzusteuern oder sich irgendwo hintreiben zu lassen. Diese Vorgehensweise verlieh ihm ein Gefühl von Freiheit. Während er weiter über die harte Erde stapfte, steigerte sich sein Wohlbefinden, da er mehr und mehr in den Zauber der Nacht eintauchte. In der Nacht fühlte er sich sicher und nur in dieser friedlichen Atmosphäre der umfassenden Dunkelheit in der Natur, fern der selbst zu diesen Stunden hell erleuchteten Dörfer und Städte, konnte er zur Ruhe kommen. Dazu kam der Sternenhimmel, der durch seine Weite zumindest einen kleinen Einblick in die Größe des Ganzen bot und ihm dadurch überdeutlich und eindrucksvoll aufzeigte, welche Bedeutung er und seine alltäglichen Probleme tatsächlich besaßen. Doch damit noch nicht genug. Die gerade beschriebene Größe, sowie das Geheimnisvolle und Mystische, das diesen Stunden eigen war, ließen bei Toranaga des öfteren Gedanken, Ideen und Erkenntnisse zu, an die er in der grellen, lauten Helligkeit des Tages nie zu denken gewagt hätte. Auch befand er sich nächtens stets an einem Ort fern der Hektik, fern der ach so wichtigen Dinge, auf die es anscheinend ankommen soll. Was bitte, fragte er sich, hatten Geld, Macht, Ansehen und so weiter wichtiges an sich. Waren dies nicht vielmehr lediglich von Menschen erdachte und produzierte Werte, die uns vom eigentlichen Leben auf der Welt ablenken und entfremden, und uns eine bequeme, mehr oder weniger funktionierende Scheinwelt bieten sollten? Für viele, ja die meisten, schien diese Scheinwelt jedoch schlüssig und in Ordnung zu sein. Für Toranaga war sie das nicht und er begann daher sogar langsam an seinem eigenen Geisteszustand zu zweifeln. „Denke nur ich so? Bin ich vielleicht der Weltfremde oder bin ich mit meiner Meinung lediglich in der Unterzahl? Werde ich langsam wahnsinnig oder muss ich mir treu bleiben und meinen ganz eigenen Weg gehen, selbst wenn er mich nach Indien oder sonst wo hin führt? Ach, keine Ahnung. Vielleicht sollte ich mich einmal mit einem Psychologen darüber unterhalten. Jetzt habe ich mich ja sowieso erst einmal für zwei Jahre Berufsoberschule entschieden. In zwei Jahren kann vieles passieren. Vielleicht werde ich zum Streber und finde danach in einem Germanistikstudium meine Erfüllung oder ich drehe durch und werde eingeliefert. Möglicherweise komme ich dort auch mit meiner großen Liebe, wer auch immer das sein mag, zusammen und genieße mit ihr das süße Leben oder ich schaffe es tatsächlich mich endlich von allem hier zu lösen und meinen Weg zu gehen. Alles ist möglich. Mal abwarten.“
VII
Obwohl der angepeilte Baum gerade noch etwa hundert Meter entfernt stand, kehrte Toranaga plötzlich um. Denn erst jetzt wurde ihm schlagartig bewusst wie ausgelaugt, erschöpft, müde und bekifft sein Körper war. Seine Kehle lechzte nach Wasser. Während des gesamten Heimwegs konnte er außer „Wasser!“, „Wie weit denn noch?“ und „Bett!“ keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nach einer halben Ewigkeit erreichte er überglücklich das lang ersehnte Ziel. Erst im Treppenhaus fiel ihm Anna ein. Ob sie noch da war? Ängstlich und unsicher betrat er seine hell erleuchtete Wohnung. Sofort entdeckte er auf dem Boden einen von ihr beschriebenen Zettel. Rasch hob er ihn auf und las ihn aufmerksam. „Gott sei Dank! Sie scheint mir die Eskapade nicht übel genommen zu haben. Sie hat mir sogar ihre Hilfe, wann immer ich sie benötigen sollte, angeboten. Verdammt! Sie ist so gut zu mir. Leider kann sie mir aber beim besten Willen nicht behilflich sein. Ich weiß doch selber nicht, wo mein Problem überhaupt liegt. Ich will doch nur ein guter Mensch sein.“ Müde schleppte sich der völlig erschöpfte Toranaga, nachdem er seinen Durst mit Leitungswasser stillen konnte, nun endlich in sein Bett. Unter der wärmenden Decke liegend, stellte sich im noch kurz die Frage, wie er diesen Abend eigentlich überhaupt bewerten sollte. Schon halb in die Welt der Träume versunken, kamen ihm noch einige Gedanken. „Der Abend war wie mein gesamtes Leben. Es ging einfach immer weiter. Ich habe die ganze Zeit mein Bestes gegeben. Ob es gut war, weiß ich nicht. Meine Verwirrung und Unwissenheit erlauben mir kein klares Urteil über meine Handlungen. Es ging schon immer einfach weiter. Bin ich gut oder schlecht? Ich versuche auf jeden Fall mein Bestes. Mehr kann ich nicht tun. Wird mich der lange Weg, der vor mir liegt Schritt für Schritt ins Paradies führen? Woher soll ich das wissen? Ich scheine einfach nur dahin zu treiben. Vielleicht gehe ich auch ständig nur im Kreis. Sei es, wie es ist. Ich werde einfach weiter gehen, weil es auch morgen einfach wieder weitergehen wird und da muss ich mit, ob ich will oder nicht“. Gute Nacht, Toranaga. Ruhe dich gut aus; denn morgen wird es wieder weiter gehen.
Auszeit für Dornröschen
meine hölzerne spindel
stach tief
langsam wirkt es
das beruhigende gift
in schlaf will ich sinken
mit gelösten zügen
gebettet auf wollweichem moos
für hundertundeine nacht
vergessen will ich - eine weile -
die flüsternden märchenworte
feuerzeichen malten sie
und brannten lichterloh
die hecke soll wachsen
dicht und verzweigt
und mit dornenspitzen
letzte träume schützen
kein märchenprinz soll mich wecken
nur der duft von rosen
die im verzweigten grün
schon neue blüten treiben
©A.R.
Was weich und wächsern wandert
und schwimmt und schwankt
in Tiefen grausam kalt -
das schwindet nicht an einem Tag
Es treibt mich eine Weile
am grünen Ufer lang
die Bucht hindurch
mit meiner Masse kargend
bin ich ein Eises-Rest –
was mir noch blieb
ist eingezackt
und angeknabbert in Umriß und Gestalt
So schwinde ich,
so löst sich mein Herz, mein Panzer,
die Eiszeit geht
Ins Wesen, das durch die Finger rinnt
und niederfallend bleibt und flieht,
verbind ich mich.
So nimmt mein Bild,
die kalte Pracht,
seine Macht
ohne Unterlaß
zurück
Noch bin ich da,
bin
den schlanken Fischen
kühler Anstoß
Noch
gebe ich der Landschaft
vor Wiesengrün
den grellen Widerspruch
Was schwindet
ist nie und nimmermehr
gelöscht, -
wir wandern,
wenn wir weichen
Was sich verschenkt
und weihevoll verströmt
in Liebe brennt und flüstert
wie im Knistern einer Flamme brennt
ist unser innerstes Bestehen, Bleiben
im Ineinander auf dem Opfertisch
des DU und DU, -
Lust ist so die Süße,
was schmilzt, wenn wir es kosten,
jeder Biß und jeder Zungenstip, -
Ankunft und Atemtod im Ziel.
© W.F.
aus warmen quellen entsprungen
murmelt der bach mit den fischen
springt jauchzend voll übermut
ergießt sich in kasskaden aus licht
wächst zum silberstrom
fließt gemächlich sich windend
durch grüne flusslandschaften
lauscht jenem fernen echo
das laut und fordernd ruft
möwen tragen botschaften
die von fernweh sprechen
hinaus an ferne meeresstrände
treiben vorwärts, schneller-wilder
tief gräbt sich der fluss sein bett
öffnet sich weit im lebendigen strömen
gezeiten werben und locken
mit küssen antwortet die gischt
klänge orgeln in wasserohren
vielstimmig in windchorälen
die nur das eine lied singen
urgewaltig und alt wie die welt
©A.R.
Einfach mal die Augen zukneifen,
diesen fortwährend scharfen optischen Einlaß.
Und doch sticht dich durch die
geschlossenen Augendeckel das Licht,
du holst tief Luft und fühlst Baumwollberührung,
dein Hemd auf der nackten Haut –
DENKEN, DENKEN,
ich knall mir selbst eine ins Gesicht.
Ich wälze mich auf meinem Lager bis zur Wand.
Ich drücke mich an die angeknabberte kühlende Mauer.
Wenn jetzt bloß niemand kommt.
Ich spiele tote Katze.
Ich spieße die Sekunde auf,
die wie Salzbröckchen
mir auf der Zunge brennt.
Jetzt habe ich die Gier auf das Süße,
auf den herumreißenden, plötzlichen
DA-BIN-ICH-Menschen:
Mit einem klaren, fremden Gesicht.
mit ruhigem Wimpernschlag.
Mit der Hand, die innen ganz trocken ist,
deckt er mir die Augen zu.
So stehe ich in der Tür meines Hauses
und kneife die Augen.
Motorengeräusch.
Tappen von Hundepfoten.
Das Klopfen meines Herzens.
© WF
Ein Grund wärst Du mir gewesen
Der Asche das Haupt entgegenzustrecken
Ganz leise
Und ohne die Kinder aufzuwecken
Ein Tal wärst Du mir gewesen
Zu durchlaufen, zu hüten, zu pflegen
Und mich dann
In Deine Arme schlafen zu legen
Eine Bitterniss wärst Du mir gewesen
Meine Lippen sie zu trinken
Meine Herzen sie zu schlucken
Meine Arme sie zu fassen
Immer wieder verliebe ich mich in Plätze, Städte, Landschaften und in Menschen, bin begeistert, trage das Herz auf der Zunge. Ein Geruch bleibt lange haften und auch eine Stimme klingt oft lange nach, findet einen Resonanzkörper in mir. Selbst Worte, die meine Gedanken beflügeln, berühren mich, lösen Empfindungen aus. Und ich liebe das Licht, wie es zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten plötzlich hervorbricht. So wie jetzt gerade, auf dieser Lichtung mit den hohen Kiefern und weißen Birkenstämmen. Ihre Spitzen berühren den Himmel, während Schönwetterwolken daunenleicht davon schweben und unablässig ihre Form ändern und der Wind in den Wipfeln singt. Vögel zwitschern, Kleiber suchen Nahrung in der Borke und Eichhörnchen hüpfen weit oben. Schon wieder muss ich weg, obwohl ich doch bleiben möchte für eine Menschenweile. Ich atme den süßen Geruch nach Harz, Moos und Sommer ein und umfasse einen Kiefernstamm. Beide Arme reichen gerade aus. Trocken, rau, lebendig und schrundig fühlt sich die Borke an. „Erzähl mir von dir, „ beginne ich den inneren Dialog, „Wie lange stehst du schon hier.“ Ich lausche. Du erzählst mir langsam und ruhig von dem was du gesehen hast, die Winter, die Sommer und die Menschen, die kamen und gingen, von Verletzungen, die man dir zufügte. Deine Ruhe überträgt sich auf mich, besänftigt mein aufgescheuchtes Gemüt. Wie gern wäre ich ein Baum an diesem Platz, festverwurzelt. Dein weises Haupt wiegt sich bedächtig im Wind. Du schwingst elastisch mit, widersetzt dich nicht. Du darfst noch eine Ewigkeit bleiben, bist noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Noch steigt dein Saft und lässt dich wachsen. Für einen Augenblick verschmelze ich mit deinem Schatten, mein Freund. A.R.
... ich empfinde Dein Gedicht nicht heftig, angie - es ist ehrlich.
Man spürt, dass Du Dich wehrst. Ich wehre mich jetzt auch schon mehr als früher.
Warum sollen die Anderen immer das Sagen haben, uns zeigen, wie es "richtig" ist zu Leben.
Das einzige, was mir immer noch zu schaffen macht, sind Schuldgefühle. Ich frage mich manchmal, in wessen Schuld ich überhaupt stehe. Da kann ich mir gar keine Antwort drauf geben. Aber warum dann diese verdammten Schuldgefühle. Sind uns Frauen die Schuldgefühle mit in die Wiege gelegt worden? Bei Männern kann ich nicht feststellen, dass sie Schuldgefühle haben. Was sagen die Männer dazu?
Liebe Rena,
auf welches Gedicht von mir bezihst du dich? Auf "Klare Sicht" ?
Schuldgefühle sind fürchterlich hinderlich. Ich habe auch den Eindruck, dass wir Frauen mehr damit zu kämpfen haben, als die Männer. Ich habe (viel) zu lange dafür gebraucht, wengstens einen Teil davon abzulegen, und immer noch holen sie mich manchmal ein.
Gruß von Angie
... ach, angie, ich habe es schon gemerkt. Ja, ich meine Dein Gedicht "Klare Sicht", da habe ich so spontan drauf reagiert. Ich bin noch nicht so lange hier im Forum, manchmal muß ich mich erst an die ganzen Seiten gewöhnen. Man steht ja mit dem eigenen Posting dann am Ende.
Deine Gedichte finde ich schön. Es sind immer kleine Geschichten aus dem Leben.
Ich habe auch schon Gedichte geschrieben, muß mir die aber erst mal wieder ansehen, es ist schon etwas her.
Liebe Grüße
Rena
Liebe Rena, sei herzlich willkommen im Forum,. Es freut mich natürlich, wenn dir meine Gedichte gefallen. Hier gibt es viele, die schreiben. Vielleicht lese ich ja bald etwas von dir. Nur Mut!:)
manchmal, Rena, beginnen Gedichte, die du vor langer Zeit aus einem ganz anderen Grund geschrieben hast, neu zu wirken. Sie haben dann ein Leuchten und sprechen Bedeutsames aus, was dir damals gar nicht in den Sinn gekommen war, - smile.
:D
... ja, Clown, da magst Du recht haben. Ich such jetzt meine Gedichte und finde sie nicht. Ich habe immer alles in Ordner abgelegt und nun muß ich wieder suchen. Ich bringe allles was ich denke zu Papier und dann sucht man wieder. :mad:
gelöscht
Noch so einen "Beitrag" und Du fliegst raus!
Danke Neo für das klare Statement! Gruß von Angie:)
wieso? das war doch ein ganz normaler Liedtext?!
Ein ganz normaler Liedtext - unter eigene Texte - also von dir? Ich fand, er ging über die Grenze des guten Geschmacks. Das muss nicht sein!
Nicht direkt von mir, aber von meiner Band...Ich finde nicht, dass das geschmacklos ist! Es vielleicht teilweise ziemlich derb geschrieben, aber nicht geschmacklos!
"Oh man. Is‘ des alles hier konfus: der an Traditionen gebundene Punker.
Wo die Fürze lauter scheinen, geh‘n wir da vor Anker.
Schlagen wir Wurzeln außen, in der Mitte oder dazwischen.
Berge oder Täler? Denn irgendwas müssen wir missen.
Wenn man nämlich wo is‘, kann man nich‘ woanders sein.
Man kann nich‘ oben raus und zugleich unten rein.
Leben bedeutet Sehnsucht: und noch viel mehr.
Das Verlangen nach andrem: und noch viel mehr.
Das Erlangen und Fallenlassen: und noch viel mehr.
Ja, was denn jetz‘ noch? `S meint die Ironie, die ich gebär‘.
Und während ich hier Gedanken vom „Steppenwolf“ kopier,
könnte man denken, dass ich lediglich ein Kunstwerk garnier‘.
Durch das unterbewusste Zusammenfügen vom Schwachen ins Lieben.
Das ist Kunst. So erfanden Gott das weltliche Leben.
Und ich bin auch `n bißchen verliebt, will nicht nur ficken.
Jedoch lässt mich deine Erscheinung meinen Penis erquicken.
Eifersucht und Angst mit dem Verstand in Zank.
Ich lache, erlebe Hass häßlicher, Liebe lieblicher und bedank‘
mich höflich und burglich bei der Existenz für die Probleme.
Tausende von Gegensätzen vom Michstraßenhüter gegeben.
Die Wurst hat zwei Enden, die Kugel hat keines.
Der menschliche Körper scheint abgerundet, ich beliebe mich seiner.
Denn hinter allem im Leben stecken Sehnsucht und Ideen,
Freuden und Kriege, Orgasmen und Fehden.
Manche beten; doch was ist das alles ohne ein Lächeln im Gesicht.
Der Weise steht am Abgrund der Ewigkeit und er wichst, der Wicht. "
oder was geht den hier über den guten Geschmack hinaus?
Jetzt hast du aber die erste Strophe weggelassen. Nichts gegen Provokation, wenn sie zum Nachdenken und Auseinandersetzen einläd, aber die erste Version hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack, wohl nicht nur bei mir. Leicht neigt ein Leser dann dazu, dich in eine, vielleicht nicht gerechtfertigte , Schublade zu stecken.
Das Forum hat gerade mit einem inzwischen gesperrten User recht unangenehme Erfahrungen gemacht.
zenzero nero
17.03.2005, 15:23
oder was geht den hier über den guten Geschmack hinaus?
Frühpubertäre "Befreiungslyrik" ist zumindest hart an der Grenze ...
und, meine "Ignorierliste" ist bereichert.
ich kann auch gern nochmal die erste strophe kopieren...ich finde, die ist nicht arg viel anders als der rest...ok, ich geb zu es hat einige passagen drin die vlt sehr persönlich sind, aber ich find den text echt gut. verschiedene geschmäcker...wie heißt es so schön "aber naja was solls...
"Frühpubertäre "Befreiungslyrik" ist zumindest hart an der Grenze ...
und, meine "Ignorierliste" ist bereichert."
:D
Tiefseetaucher
18.03.2005, 07:18
Mir ist da gestern auch noch was eingefallen...
Tiefsinn bedeutet für mich auf den stillen,lautlosen Grund des Ozeans hinabzutauchen,die angekratzte Oberfläche zu durchdringen,den Schleier des So-ist-es-halt zu durchstreifen und abzustreifen um von der strahlende Farbschicht des blauen,klaren,aber auch konturlosen Himmels abzulassen.
Tiefsinn ist Hingabe,Tiefsinn ist wahres,ehrliches Gefühl,Tiefsinn gibt den Blick frei für Fragen,die nicht leicht zu beantworten sind,Tiefsinnigkeit ist für viele Menschen anstrengend.
Für mich ist es das Größte,meine Sensibilität erlaubt mir dieses Gefühl und Sinnen.Es ist ein Geschenk der Natur.
@ tiefseetaucher
was du geschrieben hast, spricht mich sehr an, da fällt mir heute bestimmt auch noch was ein. Es läßt mich assoziieren. Mir kommen viele Bilder in den Kopf. Danke! :)
Tiefseetaucher
18.03.2005, 14:17
@angie
wunderbar,das es dich anspricht.Damit ist der Sinn meines Textes noch viel höher,weil er ein wirklicher Beitrag wird.Ich hab mich übrigens zu diesem Text auch inspirieren lassen.
Kannst ja vielleicht mal hier lesen:
http://www.a-blast.de/
Interessanter Link! Danke!
Hier ein frei assoziierter Text von mir (ein wenig abgehoben):
Ein Wassertropfen
lässt dass Fass überlaufen, versackt im Sand, tröpfelt beständig aus meinem Wasserhahn.
Sammele ich die Tropfen, löscht der Inhalt den Durst.
Gebe ich einem Durstigen zu trinken, hält er ein Gefäß in Händen. Es kann Glas sein, Keramik oder Porzellan.
Vielleicht eine alte Blechbüchse?
Jedes Gefäß fühlt sich anders an, hat eine andere Form.
Auch der Ort, an dem ich trinke, zuhause oder da wo ich fremd bin,
die Jahreszeit, das Klima,
ist es in der Stadt oder auf dem Land,
bin ich in der Masse oder allein weckt andere Erinnerungen.
Wer gibt mir zu trinken, Freund, Geliebter oder Fremder, die Eltern oder Geschwister, mein Kind?
Was höre ich während ich trinke?
Ist es laut oder leise, grell oder matt, hoch oder tief,
sind die Stimmen angenehm,
höre ich Tiere, den Wind oder das Murmeln eines Baches, Autoverkehr, Kinderstimmen?
Und wie fühle ich mich,
wie ist die Atmosphäre,
trinke ich langsam Schluck für Schluck oder hastig?
Selbst das Wasser schmeckt unterschiedlich.
Trinken , für uns selbstverständlich, für viele nicht.
Ein Glas Wasser kann sein
wie eine Oase in der Wüste finden
wie im endlosen Ozean eine Insel finden
wie am Himmel eine Wolke sehen
wie Regen nach heißen Tagen
wie das erste Grün am Ende des Winters
wie der rote Regenschirm an einem grauen Regentag
wie Kaminfeuer an einem nassen Novembertag
wie Kirchenglocken am Sonntagmorgen
wie der Geruch nach frischgemähten Gras
der Duft von Getreide kurz vor der Ernte
wie das vertraute Geräusch der Schlüssel, die sich im Schlüsselloch drehen, wenn der Liebste ,
auf den ich schon wartete, endlich wieder da ist
Sind wir uns bewusst, was ein Wassertropfen sein kann
und wie wertvoll er ist?
Ein normaler Tag?
Der Tag begann mit Suchen. Mein Liebster suchte seine Schlüssel: Hektik, Panik. Endlich nach einer ganzen Weile fand er sich wieder. Wo? In seiner Hosentasche! Jedenfalls war die ganze Familie trotz Ferien bereits am frühen Morgen auf Trapp, bevor ich mich aufschwang, meiner beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Immerhin, es blieb noch Zeit für die Morgenzigarette. Zwei Termine standen heute an, intensive Gespräche, je etwas 1 ½ Stunden. Es war in der Nähe und gut abgesprochen. Keine langen Anfahrtswege mit überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln. Es ging gut, verlief nach Plan.
Schnell noch die Ostersüßigkeiten für meine Lieben eingekauft, Ostergras und Eiermalfarbe nicht vergessen. Was werde ich meiner Mutter mitnehmen, wenn ich sie Ostersonntag besuche? Ich finde ein niedliches Nest mit alkoholfreien Süßigkeiten. Es wird ihr gefallen. Oh, aus den Augenwinkeln erblicke ich die frühlingsbunte Seesucker- Bettwäsche aus dem Angebot. Der Preis ist günstig, die Qualität stimmt. Ich beschließe, die wird Ostern das altehrwürdige Ehebett zieren.
Mir ist nach Leichtem und Luftigen. Die Temperaturen sind gestiegen und die beginnenden Wechseljahre lassen besonders nachts Feuerzungen über meine Haut schlängeln. Alles erledigt? Hoffentlich habe ich nichts vergessen, doch eigentlich ist der Einkaufszettel in meinem Kopf zuverlässig, und heute habe ich nicht meinen 9-jährigen dabei, der unentwegt auf mich einredet und nur schwer zu stoppen ist.
Jetzt beginnt der entspannende Teil meiner morgendlichen Unternehmungen: Frisör ist angesagt. Was mache ich mit meinen Haaren? Kann es wirklich sein, dass schon wieder 3 ½ Monate seit dem letzten Besuch vergangen sind? Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wo ist die Zeit geblieben? Gerade hing ich noch bei Weihnachten, da steht schon wieder Ostern vor der Tür
Ich komme mit meiner Zeit nicht mehr mit, hinke hinterher. Während ich in den Frisörspiegel schaue und mir aufmunternd zuzwinkere, entscheide ich, heute wird nicht gefärbt. Ich bin es satt, will wissen, wie viel Weiß und Grau sich in meinem Kopfhaar befindet. Schließlich muss ich wissen, wo ich dran bin, dem Älterwerden kann ich eh nicht ausweichen. Erfreulich, im Spiegel zwinkert mir ein jugendliches Gesicht mit blitzend braunen Augen entgegen. Was macht da schon das Grau?
Die Frisöse ist neu, ich kenne sie noch nicht. Kompetent und freundlich, verpasst sie mir eine wohltuende Kopfmassage und bekommt schnell den Schnitt in den Griff. Nach 15 Minuten sehe ich aus wie neu, die Mähne ist gezähmt. Zufrieden lächele ich uns im Spiegel zu,
Allerdings, eins fällt auf: ich sehe gescheckt aus, wie eine vielfarbige Hexenkatze.
©angie
Für FRAGILE, die das Bild (angehängt) mit der Tänzerin am Nil (Tonscherbe in Turin) noch kennt:
Raum gibst du mir und Brückengefühl
am Boden der Welt zu seine eine Weile
in der die Spannung schwingt
und der Lebensfaden mit einem Stich
ins Glück trifft, das sich hochbiegt
Wie schwer dein Haar ist, gezwirbelt, genoppt
schmückt es dich im Duft
der Spezereien ausströmend wild und streng
so tanzt du zum Zimbelklang
Ich sehe das Tuch im Dreieck um deinen Schoß
im Druck und im Schwung wie du tanzt
der gestampfte Lehmboden im Klopfen der Füße
seitwärts die festen Lilien im Nilschlamm
Biege dich vor und zurück am frühen Tag
dein Hüftschwung läßt die Blätter zittern
am Rand der Fläche die du betanzt
als meine vibrierende ägyptische Braut
- - - - - -
Von Zeit zu Zeit hältst du Platz für mich am Boden der Welt
du gibst mir Geschmack und Verzehr -
Vorliebe und Genuß für Brücken und Zwischenräume,
und die Spannung, die du ertanzt, tönt zurück
und schwingt, wenn du mit dem Faden,
an dem das Leben hängt, im Punkt-Stich
das Glück triffst, das sich aufbiegt, -
hoch, hoch
Wie lastet dein Haar, das in Kräuseln gekämmt ist
und genoppt in schweren Knoten. Einen Schmuck
trägst du, der ausströmt von Kräutern, wild und scharf.
So tanzt du zum Zimbelklang.
Ich sehe als Dreieck deine kleine Schamschürze:
wie du tanzt im Druck, in der Kraft
einer Wendung, einer Umwucht, in der du herumschnellst,
hart triffst du den Lehmboden, den du
im Tanzschritt so schnell wieder freigibst,
zur Seite stehen die gedrungenen Lilien
im Schlamm des Nils, beuge dich vor
und schwinge zurück in der Morgenfrühe,
der Ruck deiner Hüften läßt die Blätter
erzittern immer dort wo du bist
meine ägyptische Braut.
Besuch beim fliegenden Personal der Lufthansa, das ist das Thema des Gedichts, das in meinem Lyrikband ZündelZeilen steht, der zur Zeit gedruckt wird, www.turnshare.com. Ich finde, das Gedicht »hat was«. Ich hänge es drunter.
- - -
Besuch beim fliegenden Personal der Lufthansa
Das alte Reich am Nil, Sie lieben es, Wilma,
fugengerecht schiebt sich Stein an Stein bis
zur goldenen Spitze der Pyramide, an der
Aton jeden Morgen das Weltall entzündet.
Sie im Dienst bei der Lufthansa, man lächelt,
fliegendes Personal, ohne Lücke zeigen sich
Zähne, alles weiß, hübsch in der Reihe. Nach
Ihrer Schicht, es gab keine Anrempeleien, ich
also bei Ihnen zuhause, und nun sprechen Sie,
in bord-service-Haltung, unablässig, die Worte
kommen wie von Ferne, alles leuchtet ein,
nichts kann ich vorbringen gegen Sie, gegen
die angenehme Stimme, sanft verströmt sie
Ruhe, im fortwährenden Sprechen, in der Welle
der Vokale alles weich umfließend, nichts ist
im Wege, die Stimme füllt alle Vertiefungen
aus, schließlich werde ich unaufmerksam,
ich vermisse freie Felder, Luft, Haken und Ösen,
kein Raunen im Gebüsch, Anknüpfungspunkte
fehlen, Figuren, Erinnerungsstücke, sie
berühren sich nicht, auf der Terrasse sogar
sprechen Sie weiter, Wilma, nirgendwo stoßen
wir an, denn Sie haben, bevor ich kam, Töpfe,
Vasen, die kleine und die große Gießkanne,
alles geordnet. Ich melde Protest an, Sie
spinnen einen perfekten Kokon für den Gast,
Wilma, ohne Lücken, ohne ein »Dazwischen«.
Ihren spröden Charme mag ich, ich genoß den
weißen Martini, die Käseschnitten, doch nun
denke ich an »Die ästhetische Erziehung«, jene
Schrift, darin ein Wink, ein Satz, er gelte
für Sie, für mich, Wilma, für unser Miteinander -
»schone fremde Freiheit - zeige selbst Freiheit!«
Und nun, Wilma, reiben Sie die hübsche Nase
an Atons messerklingendichten Fugen!
:kleeblatt
kann man auch hier präsentieren:
e-stories
http://de.e-stories.org
oder hier, - www.writtenby.ch
Alle kennen wir Situationen, in denen Zeit unterschiedlich schnell zu vergeht. In glücklichen Momenten rennt die Zeit davon, und so intensiv wir auch darum bitten, die Uhren bleiben nicht stehen. Die Zeit eilt, rennt davon. Wenn wir Angst haben oder etwas herbei sehnen, sind wir oft wie gelähmt. Die Sekunden schleiche im Schneckentempo.
Ungerecht, dass manche Mitmenschen so viel Zeit haben, dass sie vor lauter Langeweile nicht wissen, was sie anfangen sollen mit all diesem Überfluss, während mir mein Tag viel zu kurz ist, um all das zu tun, was ich tun möchte. Nie bleibt genug Zeit übrig.
Und dennoch gibt es sie:
die Augenblicke, in denen die Zeit keine Macht hat. Diese Momente versöhnen mich mit der Zeit, ja, sie schlagen ihr ein Schnippchen!
Komm setz dich zu mir!
Deine Seele öffnet sich!
Im Herz strahlt Sonne von südlich-blauen Himmeln.
Gemächlich lehnst du am Stamm der alten Kastanie.
Rau und warm ist er , sein Laubdach spendet großzügig Schatten.
Das Moos unter dir ist sooo.. weich.
Sanft fängt der Wind sich in den Blättern,
fächelt dir zu.
Im sommerduftenden Gras zirpen Grillen.
Alles ruht wie ein stiller See in der Morgendämmerung
.
Hörst du die Stille?
Komm schließe deine Augen und vergesse für eine Weile alle Sorgen,
den Ärger und das, was an dir zerrt.
Die Kobolde in der Tiefe haben ihre Werkzeuge zur Seite gelegt,
halten Mittagsschlaf.
Nach der anstrengenden Schufterei in den Mienen am Vormittag,
träumen sie von den Schätzen,
die noch vergraben liegen und darauf warten,
gefunden zu werden.
Ich denke an dich und schicke ein Lächeln.
Meine gurrenden Tauben rief ich
sie stecken es unter ihre Flügel und tragen es zu dir.
Aus den flinken Perlaugen streift mich ein zustimmender Blick,
und schon sind sie unterwegs
Dir ist, als ruhten liebende Hände auf deinen Schultern.
Warm fließt Energie durch dich hindurch.
Berührte vielleicht ein Engel dich mit Seelenfingern?
Du lehnst dich etwas mehr zurück,
fühlst dich aufgehoben und geborgen,
nichts kann dir geschehen
Du überlässt dich diesem belebenden Fließen.
Der Atem wird tief und ruhig.
Gedanken sind längst mit den Wolken davon geflogen.
Die Zeit bleibt stehen!
©A.R.
melusine
03.09.2006, 13:02
Zerbrochener Traum
Distanz
Einsamkeit
Spürst du es?
Verzweiflung
Trauer
Siehst du es?
Hoffnung
Stille
Hörst du es?
melusine
10.11.2006, 23:21
Undine geht
Regen
Tropfen in meinem Gesicht
Schmerz
Nagt
Ein schwarzes Loch
Ich vermisse
ich habe verloren
Abgrundtief
Vor langer Zeit
Leere.
Donner
wird nie enden
Alles was du tun solltest
Unseren Eid nicht brechen.
Ich bin verdammt
Verloren.
Ich werde zurückkommen
Alles wird wie immer sein.
ich bin verflucht.
Sommerspitzen
Am 10. Juli ein Brief in Girlandenschrift - „Sommerspitzen“ in hübscher Hülle
Wem deine Vormittage gehören? Du setzt dich in Bewegung
du kommst nach vorn, wie leicht du gehst, am grünen Weiher stehst du im Wind, lichdurchlässig
findest du die Welt, farbsprühend, deine Augen, Kraft hast du, - hebst Männer aus den Schuhen
du feierst sie nicht alleine, die Sommersonnenwende, wodurch du springst, -
ob Feuer, ob Fontäne, deine Hände halten den Mann, den du liebst
Du breitest immer dann der Zärtlichkeit ein Laken aus, wenn der Druck der Zeit
dir an den Schläfen steht, - eigentlich müßtest du Steuerbelege sortieren
Du liebst sie nicht, die Schlupflöcher, durch die ich dir entkomme, schwankend
und fordernd lehnst du dich an mich, wenn ich in der Tür stehe beim Abschied
kußfreudig dein Mund und die Oberlippe oft aufgestülpt
selbst wenn du aufmerksam eigentlich nur den Kuchenteig ausrollst
Wieviel Badetücher, weiches Flanell oder härter gewalkt, ein Wasserrausch
lange kostest du ihn aus, bis du duftend und mit geriffelten
sich auflösenden Fingerkuppen schließlich aufs Laken kommst
Verschwenderisch kannst du sein und dich austeilen
viel Frau liegt dann neben mir, zähnezeigend, im Herumschnellen
des hellbraunen Körpers, dein Anlauf ist knapp, schnell erreichst
du dein Tempo, wie hübsch umsteht im Liebesrausch das Wirbelhaar
deinen Kopf, du hast Musik aufgelegt, die Fußspitzen wippen den Takt
gepflegte Untergänge sind es mit dir
Spät noch am Abend bemalst du Steine, deine Zunge zart
benetzt die Lippen, in wacher Aufmerksamkeit ziehst du die Nase kraus
hältst den Atem an, spitze Bündelung des Willens, nun ist ein Stein Objekt
deiner Liebe des Streichens und Streichelns, du neckst, du betupfst ihn
du drehst weich ihn in der festen Tennishand, bis er so ist, wie er dir gefällt
und du ihn haben willst, dein magisches Auge fixiert den Zielpunkt
dein Sommerzeichen ist der Sonnenpunkt, du legst dich in den Raum
in der Weise unter das Fenster, dass Licht deinen Schoß trifft
und du blond im Gewirbel des Haares aufleuchtest, ein Frauenwesen
ein Sommerzeichen, Beeren stehen im Glas, - eingefangenes Licht
Wir sehen die Farben des Sommers, - unsere Strandstunde, du mein Gegendruck
im Rhythmus, der uns weiterträgt, knallende Küsse, das Trommeln
kleiner Fäuste im Höhepunkt, du lichtpunktübersprühter
unmöglicher weiblicher Mensch
Geflüster in weicher Zweisamkeit, bis dein Herz Handstand macht
alles das in Schwingung, im Dabeisein
wenn du die Worte schlürfst und sehnsuchtsvoll im Geheimnis bist
*
Sie fiel etwas aus dem Rahmen, so hatte es schon ihr Großvater formuliert. Beim ihm war sie aufgewachsen. Alles immer etwas anders zu tun als jedermann, als jede Frau. Daphne war kein Mädchen des allgemeinen Umgangs. Schon ihr Name war ja ein Anstoß. Den hatte ihr die verzückte Mutter verpaßt. Daffke, Daffke, Daffne, so brüllten die Kinder.
Ja, die Großeltern. Auf der Insel gab es einen Themenschwerpunkt, wie sie das nannten. Erziehung und die, die ihr unterworfen sind. Nietzsche wurde zitiert, Céline und Kafka. Und das Drama des begabten Kindes. Die Wortmeldungen ergaben kein einheitliches Bild. Da war Jessicas Großvater. Die Geschichte, die sie von ihm erzählte, war schrecklich. Fritz hatte auf dem Bau angefangen, als es noch die Kelle und ihren hellen Klang gab, wenn das blinkende Dreieck, dieses Freimaurer-Zeichen, wie ein Signal auf den passenden eingefügten Stein traf, der sich in frischen Zement fügte; gekonnt hingeklatscht, die Fuge total füllend. Als Großvater anfing, gab es noch die Steinträger. Sie schulterten das Tragebrett und schleppten die Steine die Treppen hoch. Inzwischen war Opa Fritz kein Maurer mehr, sondern Baufacharbeiter. Als solcher wurde er dann arbeitslos. Ganz unerwartet. Von einem auf den anderen Tag.
Jessica besuchten ihren Großvater im Schrebergarten. Die Sättigungsbeilage und die Zusatz-Einlage, extra saugfähig, wenn die Blutung nicht aufhören wollte. Wie man ein Baby stillt oder eine Wunde, die nicht aufhören will zu schreien. Weil man nun einmal eine Frau ist, die sich alle 28 Tage öffnet. Mit derselben Pünktlichkeit, wie der fette Mond sein Gesicht heraushängen läßt, wenn er voll ist.
Opa Fritz hörte nämlich auf, mit seinen Kindern zu sprechen. Er schwieg auch bei seiner Frau. Er versteinerte. Ging morgens in den kleinen Garten, trank sein Bier und war mit der Welt zerfallen. Jessica war damals noch nicht auf der Welt. Wegen dieser Sache, ihr Vater ohne Arbeit, hatte ihre Mutter als junges Mädchen sich davongemacht. Versteinern, das war bequem, auf Druck zu antworten, auf Enttäuschung.
Eine Krise ist immer ein Zeichen für einen Mangel, hatte Freya gesagt.
karpatenhexe
21.11.2006, 12:58
der kalte Kaffee schmeckt nicht mehr
Klar, es ist auch Winter
mir fehlen Deine
ständigen "Teasereien"
"Schaff was, Du faule Sau"
Dein Lächeln
Die Mittagspause mit Dir
Deine Mittagspause
Ich bin hier, Du bist fort
Zusatz: jeden Tag bis Montag
Eigenschaften Merkurs, die Sie und ich aufweisen, Sie aber in stärkerem Maße. Je älter wir werden, um so stärker spüren wir: Kein Tag wird uns fertig geschenkt. Aufs Telos, auf Ziel und Ende hin, gilt es, zu festem Metall zu kommen, das frei von Einschlüssen, das schlackenlos ist. Kein Metall, das so schmiegsam und giftig ist wie Blei. Keines, das davonrollt in Kügelchen, wie Quecksilber.
Ich habe sehr lange warten müssen, bis das enge Rohr, durch das ich kroch, nun Licht zeigt. Ob ich den Ausgang erreiche und ins Freie gelange, weiß ich nicht. Wenigstens, falls es schneller zu Ende geht als gedacht: Ich habe das Licht gesehen. Goethe, als es zu Ende ging, sagte zur Witwe seines Sohnes: Tochter, gibt mir deine Pfote. - Paracelsus sprach vom Sterbenmüssen. „Der Schnee meines Elends ist zum End' gegangen. Die Zeit meines Schreibens ist zeitig. Von wannen er kommt, wohin es kommt, das weiß ich nicht: Es ist da.“ Und Hegel sagt: „Alles Endliche, ist kein Festes und Letztes, sondern veränderlich und vergänglich.“ Hegel: „Die Furcht zu irren kann selbst schon Irrtum sein.“ -
Ich sollte im April im Kepler-Gymnasium Chemnitz eine Autorin vorstellen. Zur Frage, was denn Farbe in Bezug auf das Licht sei) fand ich diesen Satz Keplers, [ein Latein auch für Nicht-Lateiner] COLOR EST LUX IN POTENTIA. Ich suchte mir noch selber eine Lesung, an einer anderen Schule in der DDR-Karl-Marx-Stadt. Putzigerweise habe ich in diesem Jahr mit lauter jungen Menschen zu tun. - Eine Chemnitzer Gymnasiastin schreibt mir öfter, aus Marburg, Internat für Sehbehinderte und Blinde. Sie hat eine bestechende Intelligenz. Um eine persönliche Krise zu meistern, lernte sie vor zwei Jahren „nebenbei“ perfekt Neugriechisch. So überstand sie einigermaßen die Trennung vom Vater, Leichtathletik-Sieger der DDR.
Jetzt hielt Sodabe (19, Iranerin) ein glänzendes Abitur-Referat über den 1. Akt von Goethes Faust,. Teil 2. Vorher ließ sie sich von mir beraten. Zur Szene Maskenzug, Karneval, fragte sie nach, wie ich das denn fände (Goethe!), daß eine Mutter ihrer unschönen Tochter rät, die Tage, wo die Männer betrunken sind, zu nutzen, mit den Worten: „Öffne deinen Schoß, / es bleibt schon einer hängen.“
In Berlin liest die Studentin Patricia ihrem Vater jene meiner Sätze vor, die ihr besonders gefallen haben (meine Kritik ihrer Arbeit, Lit-Magazin). Also lauter Lichtzeichen im Tunnel.
Orangenblüte
30.11.2006, 16:06
Also lauter Lichtzeichen im Tunnel.
Außerhalb des Tunnels ist alles voller Licht!
Ich gratuliere und freu mich für dich!
ich weiss gar nicht ob es dich fröhlich stimmen wird, wenn ich dir berichte, dass ich zur Zeit ich von der Rolle bin - - aber ich setze einfach mal was her !
Die Störbarkeit während der kreativen Anlaufphase ist unbeschreibbar. Schon dass du sagtest, das kreta-gedicht kanntest du schon, hat mir irritiert und behindert.
ich hatte heute nacht und schon gestern abend wieder einen rückschlag - - bilde ich es mir ein? einige reagieren auf das verlags-angebot an mich, - unwillig, ja gereizt - - - ich führe es auf meine über-höflichkeit zurück, die mir ja anerzogen worden ist
gastwirte (Vater und Mutter) gehörten früher zu den ehrlosen, -fremde menschen in seine stuben lassen, das sind kindheitserfahrungen, Vater und Mutter hielten ihr Speiselokal auch sonntags offen, nur am 24. Dezemer blieb das Restaurant geschlossen, sonntags schrieb ich vormittags die speisekarte, dadurch konnte ich keine Tagesausflüge mit freunden machen - Ein 16-Stunden-Arbeitstag der Eltern, meine schwester und ich wurden herumgestossen. Immer stand ich irgendwo und irgendwie im Weg.
als ich heute mein frühstück zusammenrührte, oliven- und Sesam-Öl, Haferkleie, Schwarzkümmelsamen und Zimtpulver, trat meine Frau plötzlich dazwischen, kam mir mit ihrer Hand in die Quere, sie goss sich den rest kaffee ein, - diese Unterbrechung warf mich völlig aus der Bahn, ich ergriff die unfertige Mahlzeit und stürzte davon in mein zimmer - - solche empfindlichkeiten, dafür haben andere naturgemäss kein verständnis - - auch ingrid nicht, sie jetzt wie ich im ruhestand, sie kannte mich 30 Jahre und rief triumphierend aus - "unsere mütter hatten keine ahnung, sie waren eben nicht berufstätig" - - - - ich muss meine eigenart alleine durchstehen, - meine kreative gabe
Die Einödbäuerin
Die Wirtin, sie sah aus wie von früher. War sie aus uralter Zeit in die Schankstube des alten Dorfes (jetzt längst städtisch vereinnahmt) gestiegen? Eine schöne, eine schlanke und eher große Frau, der man immer ins unauslesbare Gesicht sehen mußte. Denn es war ein sprechendes, ein in die Kluft der ausdrucksvollen Augen eingebettetes, ein in der Spannung der Wangen ganz fremdes Gesicht, - aus einem anderen Jahrhundert. Die Nase gab der Frau etwas Kühnes und Herrisches. Und doch war sie weiblich, lebhafte Dienstmagd und Herrin, bemüht und immer dicht dabei, Bestellungen zur Küche zu rufen, schwere heiße Teller mit Haxen hinstellend im Nu.
Der Maler hatte sie schon einmal skizziert. Jetzt aß er die Haxe. Der Poet sah die Ausdrucksfrau intensiv an, er sah sie nun, ihren Stadtcharme wegdenkend, als die Bauersfrau auf dem Einödshof, ötztaler Überstand im obersten Seitental, das sich in die Höhe verlief. Prompt stellte die Ausdrucksvolle der Dozentin und dem anderen den falschen Wein hin. Die Gläser, zugleich bestellt, waren ungleich gefüllt. Die Dozentin ließ den Angereisten aus beiden Gläsern trinken. Lieblich, von labberiger Mundigkeit der eine Wein, herb, charaktervoll der andere.
Der Maler und der andere sprachen nun vom Bierlokal. Die schöne Frau dort am Wandtisch hatte ein eher sportliches Aussehen. Effektiv, ja das war sie, und blond, die Haut der hohen Stirn war gespannt und angestrengt, aber weich die Nase und das Lippenpaar, - eine Tennis-Schöne, wie er, der andere, das nannte. Frauen, denen es gut ansteht, wenn die Beine schmal und fest in den shorts ihre weit nach innen versteckte Weiblichkeit signalisieren. Die Frau hatte nicht zu den beiden hingeblickt. Tüchtig, mit zwei Jungen, saß sie am Seitentisch, angespannt und schön.
(aus "Flußufer, gelb" - Heidelberg)
RunningGag
11.07.2008, 22:19
-
RunningGag
11.07.2008, 22:28
-
RunningGag
11.07.2008, 22:31
-
RunningGag
11.07.2008, 22:38
-
Warum postest du es dann ?
RunningGag
11.07.2008, 23:27
-
Aha.
Na dann, okay, viel Spaß.
Ich wünsche mir, dass die Texte von RunningGag in einen passenden Thread verschoben werden, denn sie gehören so hier nicht hin. Hier stören sie nur die Diskussion rund um Kunst und Sprache.. Sorry!:(
Das ist der erste Thread, der mir eingefallen ist. Wenn jemand eine bessere Idee hat, immer her damit.
Danke schön, Jean! Das finde ich eine gute Lösung. :)
Hallo RunningGag,
ich habe in deinen Texten gelesen: das Gedicht und die "Kannibalistin".
Zum Gedicht finde ich keinen wirklichen Zugang, und der Prosatext lässt mich schauern. Fast finde ich ihn schon grenzwertig, aber schreiben und mit der Sprache umgehen das kannst du.
maerzhase
12.10.2008, 15:59
Das Märchen vom verlorenen Lippenstift
Es war einmal ein Mädchen, das liebte ihren Lippenstift.
Jeden Morgen stand es vor dem Spiegel, um sich die Lippen rot zu malen. Eines Morgens aber fehlte der Lippenstift unter ihrem Badezimmerspiegel.
Da war das Mädchen sehr traurig und suchte die ganze Wohnung ab, fand ihn aber nicht.
Da ging sie hinaus auf die Straße und suchte die Straße ab, fand aber den Lippenstift auch dort nicht.
Während sie so suchte, setzte sich ein Spatz neben sie auf den Boden.
"Sag mir, lieber Spatz, hast du meinen Lippenstift gesehen? Ich suche ihn schon die ganze Zeit und kann ihn einfach nicht finden!"
"Nein", antwortete da der Vogel, "ich weiß nicht, wo dein Lippenstift liegt, aber vielleicht weiß es der Löwe?"
Da kaufte sich das Mädchen eine Fahrkarte für den Bus und fuhr zum Zoo. Es kaufte sich eine Eintrittskarte für den Zoo und ging dann zum Löwenkäfig.
"Sag mir, lieber Löwe, hast du meinen Lippenstift gesehen? Ich suche ihn schon die ganze Zeit und kann ihn einfach nicht finden!"
"Nein", antwortete der Löwe, "ich weiß nicht, wo dein Lippenstift liegt, aber vielleicht weiß es die Sonne?"
Da stellte sich das Mädchen auf den höchsten Hügel der Gegend, kniff ihre Augen zusammen und blickte in den Himmel.
"Sag mir, liebe Sonne, hast du meinen Lippenstift gesehen? Ich suche ihn schon die ganze Zeit und kann ihn einfach nicht finden!"
"Nein", antwortete die Sonne, "ich weiß nicht, wo dein Lippenstift liegt, aber vielleicht weiß es der Mond?"
Da warte das Mädchen auf dem Hügel, bis die Sonne untergegangen war und sich der Mond am Himmel zeigte.
"Sag mir, lieber Mond, hast du meinen Lippenstift gesehen? Ich suche ihn schon die ganze Zeit und kann ihn einfach nicht finden!"
"Nun, vielleicht kann ich Dir helfen", sagte da der Mond und das Herz des Mädchens hüpfte schon vor Freude.
"Bitte sage mir, wo ich ihn finden kann."
"Du kannst ihn nicht finden, aber ich kann Dich zu ihm bringen." Da breitete der Mond die Nacht vollständig über dem Mädchen aus und als sie sich erneut umsah, stand sie in einem mit Gold geschmückten Saal. Vor ihr lag auf einem goldenen Kissen der rote Lippenstift und blickte sie aus großen Augen an.
"Was willst du denn?"
"Ach lieber Lippenstift. Endlich habe ich dich gefunden. Ich habe den Spatz, den Löwen, die Sonne und den Mond gefragt, wo ich dich finden kann und nun bist du hier."
"Und was willst du von mir?"
"Ich will dich doch mitnehmen, damit ich mich jeden Morgen meine Lippen anmalen kann."
"Warum?"
"Weil ich ungeschminkt nicht aus dem Haus gehen kann."
"Nun, du bist aber ungeschminkt aus dem Haus gegangen, bist bis zum Zoo gefahren, auf einen Hügel gestiegen, wo dich jeder sehen konnte und hast sogar bis zur Nacht dort gewartet. Und ist etwas Gefährliches passiert?"
Das Mädchen stutzte. Dann sagte sie "Nein, es war alles in Ordnung."
"Also wenn du mir versprichst, mich nicht jeden Tag im Übermaß zu benutzen und mir auch mal einen Tag Ruhe zu gönnen, komme ich wieder mit dir mit."
Das Mädchen versprach es und so kehrte der Lippenstift wieder mit ihr nach Hause zurück.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schminkt sie sich noch heute ... manchmal.
Schneewittchen13
12.10.2008, 16:02
Tristesse
Tristesse, Tristesse......!
Deines Weges; wohin geht er dich?
Kein Weg. Mir ist nichts zu suchen Mutes.
Falle ich nur wie Wasser dahin.
Träumend.
Aber von deiner heimlichen Schönheit doch;
kauf dir Mann und Haus und Kinder ein.
Sicher kannst du glücklich sein.
Ach, welch Tor du bist.
(Sie lacht laut auf)
Schau hin wie sie alle vergänglich sind.
Nichts preist mir ein ewiges Glück.
Eure Illusionen sind mir amüsant.
Dann wirft sie alles ab.
Ein Gerippe schaut mit leeren Augen durch ihn durch. Die Wahrheit schreit in ihm.
An mir ist leider kein großer Erzähler verlorengegangen. Ein Lyriker noch weniger ;)
Aber vor etwas über einem Jahr "mühte" ich mich doch einmal an einer auch zu Ende gebrachten Kurzgeschichte ab, ich postete sie in einem anderen Rahmen und einer anderen Community auch einmal.
Obwohl es sicherlich weitaus kreativer wäre, irgendwas neues zu Papier bzw zu Festplatte zu bringen, poste ich sie einmal hier - einfach deswegen, weil meine damalige Stimmung sehr nahe an meiner aktuellen Stimmung ist ;)
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Alles war weiß.
„Sara ohne h“ sonnte sich im hellen Licht, drehte sich um ihre eigene Achse und ließ dabei den Blick über die weiten Felder aus Schnee und Eis schweifen. Friedlich lag ihre Umgebung unter einer alles überdeckenden Schicht aus gefrorenem Wasser darnieder. Es fröstelte sie zwar leicht, doch die warme Quelle neben ihr, die ihre Oase in dieser unendlichen Wüste zu einem lebenswerten Ort machte, sorgte dafür, dass sie sich rasch wärmer fühlte.
Verschiedene Bilder spiegelten sich in der Quelle. Mal sah „Sara ohne h“ in ihr die Schönheit grüner Felder, dann kalten Stahl. Mal erblickte sie verbrannte Asche, dann wieder blühende Bäume. Mal wirkte die Quelle eng wie ein Goldfischglas, dann wieder weit wie der blaue Himmel. Zudem gingen beruhigende Klänge von der Quelle aus. Klänge, die sie gefangen nahmen. Die sie vergessen ließen, in welcher Umgebung sie sich befand. Überhaupt hatte „Sara ohne h“ viel vergessen. Ein engmaschiger Schleier, gewoben aus vielen Tagen, immens vielen Minuten und fast unendlich erscheinenden Sekunden lag über ihrer Vergangenheit. „Willst du denn nicht das Licht sehen“ - dieser Satz bedeutete ihr etwas, ohne zu wissen was. Oder warum. Sie ahnte, dass sie ihn einst hörte, auch wenn sie die Bedeutung nicht mehr verstand. Hier war Licht.
Aber wie kam „Sara ohne h“ nur hierher? War sie Überlebende eines Unglücks? War sie Teil einer Gebirgsexpedition? Hatte sie sich verlaufen? Kam sie gezielt hierher? Sie wusste es nicht mehr. Und sonst auch niemand. Alles verlor hier seine Bedeutung. Die Vergangenheit traf auf die Zukunft und verschmolz zur Gegenwart. Nur sie zählte. Die warme Quelle, sie spendete ihr das Leben. Sie gab ihr eine neue Chance. Sie hielt „Sara ohne h“ am Leben.
Manchmal aber schmerzten ihre Augen förmlich von all dem Licht, das in den weiten Schneefeldern reflektierte. Dann, wenn ihre Augen sich röteten und zu tränen begannen, dann, wenn sie ihre Umgebung nur verschwommen wahrnehmen konnte, dann entfernte sie sich manchmal von der Quelle. Dann konnte sie die Dunkelheit genießen. Und nur dann. In diesen flüchtigen, verschwindend kurz erscheinenden Momenten erkannte sie, spürte sie, dass sie nicht nur von Schnee und Eis umgeben war. Es gab da diese Stelle.
Sie schien sich auf den ersten Blick nicht von der anderen Gegend zu unterscheiden. Doch etwas war anders. Nicht für das Auge, aber für einen subtileren Sinn. Eine leichte Jasminnote lag hier in der Luft. Jasmin brauchte aber eine warme Umgebung um zu blühen, und sie konnte diesen Geruch nicht an der Quelle wahrnehmen. Nur weiter entfernt. Es war unmöglich. Im Eis blüht kein Jasmin. Sie muste sich täuschen. Immer, wenn sie sich dieser Täuschung bewusst wurde, fürchtete „Sara ohne h“, ihren Verstand zu verlieren. Sie ging schnell zurück zur wärmenden Quelle. Es war angenehm. Auch wenn das wohlriechende Jasmin nicht zur Quelle drang. Sie sah fröhliche Menschen in der Quelle. Sie fühlte sich besser.
Alles war schwarz.
„Sara ohne h“ konnte den Geruch des Jasmins nie vergessen. Das Aroma war wunderbar. Sie hatte sich diesen Duft nicht eingebildet. Nachts, ohne das Licht, welches sich tagsüber überall wiederspiegelte und sie blendete, sah sie bisweilen klarer. Sie konnte nie ein Anzeichen für Vegetation sehen. „Sara ohne h“ roch sie nur, spürte einen kaum wahrnehmbaren Hauch des Lebens. Es beseelte sie, ohne zu wissen, wieso. Es zog sie an.
Sie hinterfragte dieses Empfinden nicht weiter, aber manchmal entfernte sie sich von der Quelle. Ab und an knackte das Eis unter ihren Füßen. Im selben Moment erschrak sie und ging schnell rückwärts. Wäre sie doch behende wie eine Katze, dachte sie, dann könnte sie es riskieren, diesen Pfad (ein solcher war es doch?) zu beschreiten, ohne dass ihr Untergrund unter ihr wegbrechen würde. Bisweilen fragte sie sich, was wohl unter dem knackenden Eis sein mochte? Fester Boden? Gähnende Leere? „Sara ohne h“ würde es wohl nie erfahren. Sie war zu ängstlich, sich auf diesem Eis zu bewegen. Was, wenn sie gezwungen wäre, dort zu gehen? Wenn man sie förmlich schubsen würde? Aber die Frage stellt sich nicht, niemand, der schubsen könnte, war zugegen. „Sara ohne h“ wurde kalt. Sie ging zurück zur Quelle. Umgehend wurde ihr warm. Zeit spielte keine Rolle mehr. Hier hatte sie die ganze Zeit der Welt. Sie hörte die beruhigenden Klänge der Quelle. „Sarah mit h“ sah in ihr blühenden Jasmin. Sarah legte sich schlafen und träumte von einem schmalen Pfad im Eis.
Alles war weiß.
gelingen Zeilen, die, wie ich meine, ein "gewisses etwas" haben -
Wie der eiserne Zaun in seinem Grau
den Garten festhält: im tiefen November.
Wie die spinnigen Fäden der Spinne
dem Tau und den winzigen Tropfen des Nebels
ein Netz geknüpft haben, das durchscheint:
für milchiges Licht, das im Gesträuche verschwimmt.
Im Garten ist alles wild: die Minze und das Knabenkraut,
dem im Sommer die Milch ausbrach, in schimmernden Tropfen.
Wie du dich zurücklehnst, Geliebte, bis ins Äußerste,
bis du die Sterne oben durchs Oberlicht blinken siehst
in der späten Nacht, die dich wach unterm Dach findet,
das du mit einem Lächeln und einem Kirschzweig bewohnst.
Ein Kirschzweig, der nun schon stumm geworden ist.
Für eine Weile hat er elf Blüten gezeigt, im Sonnenlicht,
das durchs Fenster kam in deine Stube, die du ihm
als Zwischenzeit und Zwischenraum zugewiesen hattest,
ihm, der schon vor dem Haus stand, als du noch Kind warst.
StadtRäume
Die Stadt gleicht einer Riesin. Mit ihren vielen Fangarmen
- wie ein Oktopus -
fängt sie dich ein und in ihren Bann.
Heute Morgen - es ist September - wirkt sie ausgeschlafen. Die Runzeln im Gesicht sind galattgebügelt. Der Regen hat ihre Haare geringelt. Jung und frisch hüpft sie in bunten Plastikstiefeln durch die Regenpfützen und pfeift ein freches Gassenlied.
Im Nebel klingt alles gedämpft.
Nur die scheppernden Geräusche von Metall auf Asphalt klingen spitz und grell in meinen Ohren. In der Altstadt werden gerade die Kölschfässer verladen.
Ein Türke steht vor seinem schmalen Lokal - packt den Einkauf vom Großmarkt aus - mindestens zehn riesige weiße Kohlköpfe im Netz - zähle ich, und die gleiche Menge Gemüsezwiebeln, ein Knoblauchzopf und eine ganze Bütt voll Mohrrüben.
Sicher alles aus der nahen Ville zum Großmarkt in Köln gekarrt.
Im Lied der Riesin plätschert der Rhein - eine Schiffshupe und das Tuckern der Motoren von Verladeschiffen klingt mit.
Fröhliche Gelassenheit strahlt die Riesenkrake aus.
Es ist meine Stadt, und gerade erst beginne ich, ihr die Geheimnisse zu entlocken.Für mich verfügt sie mit ihren Alltagsspuren über den vielschichtigen Reiz der nicht mehr ganz junger Frauen. So sind wir fast schon Zwillingsschwestern - die Stadt und ich - so, wie ich mich selbst noch besser kennenlernen möchte, so will ich auch sie entdecken und mich mit ihr verschwistern.
klasse angie! klingt sehr bodenständig.
Danke Theresa. Ich arbeite gerade an einem (virtuellen) ganz persönlichen Köln-Buch. Dafür habe ich den Text unten überarbeitet.
LG von Angie :)
angie, so was lese ich gerne und freue mich über die gute Idee. Es ist schön, wenn man über seine Stadt schreiben kann. Bis wann soll es denn fertig sein?
Liebe Theresa,
ich habe heute bei BookRix den Band 1 veröffentlicht:
Zuhause - In meiner Vaterstadt (http://bookrix.de/showbooks.html?lang=de&user=findevogel)
vielleicht magst du schauen und lesen. Es ist mit Absicht ein schmales Bändchen, denn alles, was mehr als dreißig Seiten hat, wird weniger gelesen. Daher wird es noch Nachfolgebände geben.
LG von Angie :)
angie, ich habs jetzt mal schnell überflogen und muß sagen ich bin begeistert, einfach, aber klasse, und es geht einem ans Herz! Ich gratuliere dir zu diesem schönen Bändchen. :)
Dieser Thread hat mich zu einem Text inspiriert: "HSP und gesellschaftliches Männer- und Frauenbild" Er ist allerdings heftig, aber ich stehe durchaus zu meiner heftigen Seite
Klare Sicht
...
WOW, das spricht mir ja fast komplett aus der Seele!
*kügeli*
06.02.2009, 21:34
marionette
meine familie hat sich eine
marionette zuasmmengebastelt...
mich
ich war nie ein ich
ich war ein es
ich war ein eigentum
ihr eigentum
an sämtlichen gliedmassen
befanden dich seile und fäden
und jeder zog
mal dahin
mal dorthin
ich musste immer aufpassen
dann war ich vorbereitet
wenn wieder jemand zog
in mir gibt es fenster
auch türen
die hatten offen zu stehen
nur eine
war immer zu
dicht und vermauert
mein herz
meine seele
eingeprägt sind darin
ihre sätze und verbote
ihre einstellungen
fäden, die mich hinderten am leben
fäden, die sich verhedderten
und beim entwirren
bloss wach bleiben
meine augen überall haben
und mich benutzen lassen
aber jetzt und hier
unterstützen sie mich
ich kann die seile lockern
ich bekomme die schere und ein beil
ich muss es selbst tun
das kann niemand anderes für mich
übernehmen
und was macht mein inneres kind
mit der genannten unterstützung
sie hämmert und sägt an dieser
vermauerten seele
sie klettert zu meinem herz
und trocknet meine tränen
durch die löcher in der mauer
sehe ich an meiner seele wunden
die ich versorgen werde
schritt für schritt
und mein inneres kind
nimmt lächelnd ihre pinsel
und farbtöpfe
und beginnt zu malen
meine seele bekommt bunte flecken
und was mache ich
ich kaufe neue farbe
© by Julie M. (Okt. 2002)
September
10.12.2009, 21:30
rheinschrift
von einem berg
einer quelle
leben
gehen
kleine schritte
den fluss zum meer
September
10.12.2009, 21:32
einmal las ich
zwei dinge nur im leben
seien wirklich wichtig
die liebe und der tod
eine geschichte erzähltest du mir
führtest mich auf einen berg, in einen raum
bleiches licht, stille für einen augenblick, zeit
in gedanken betrete ich noch einmal diesen raum
betrachte sie – die geliebte - still, schlafend im licht
gehe umher, achtsam, perspektiven ändern sich
einzelne worte schreib ich mir
liebe und tod
raum und licht
stille und zeit
betrachte sie, gehe umher
löse und verbinde sie neu
perspektiven ändern
raum und zeit
stille und liebe
tod und licht
liebe und raum
zeit und stille und licht
raum und licht und liebe und zeit
perspektiven ändern, wenn man geht
Kampf
Ich kämpfe.
Ich kämpfe
mit dir.
Ich kämpfe
für dich.
Ich kämpfe
um dich.
Ich kämpfe
- gegen dich.
Der Doppeldecker
Das Kind fragte seine Mama, ob der Adler auf der anderen Seite der Münze wegfliege, solange man gerade die Vorderseite betrachte. Die Mutter meinte gereizt, das sei eine dumme Frage, natürlich sei der Adler dort, wo er hingehöre, eben auf der anderen Seite und zwar immer.
"Auch wenn man gerade nicht hinguckt?"
"Auch dann."
"Woher weißt du das, du siehst es doch nicht?"
"Ich weiß es eben."
Mutter und Tochter führten dieses Gespräch auf dem oberen Deck eines Doppeldeckerbusses.
"Mama, was passiert, wenn der obere Bus mit uns nach links fährt und der untere Teil nach rechts?"
Die Mutter seufzte.
"Nichts passiert dann, denn das kann gar nicht passieren. Und jetzt verschone mich mit deinen verrückten Fragen."
Das kleine Mädchen versuchte aus dem Fenster am Bus herunter zu schauen, der eben bei Ampelgrün wieder anfuhr. Vor seinen erstaunten Augen löste sich das obere Deck unmerklich mit einer sanften, schwingenden Bewegung vom unteren und bog nach rechts ab, während der untere Teil geradeaus weiterfuhr.
"Mama", begann das Mädchen aufgeregt, "der Bus ...!“
"Schweig", sagte die Mutter unwirsch, "ich bin müde."
Das Mädchen verstummte. Es schob sein Gesicht soweit es ging aus dem schräggestellten Seitenfensterchen und schielte erneut an der Seitenwand des Busses hinab. Das untere Stockwerk fehlte immer noch. Keinem der Fahrgäste schien es aufzufallen, daß der Bus nicht mehr hielt und daß kein Fahrgeräusch mehr hörbar war. Die drei anderen Leute dösten ebenso wie die Mutter des Kindes vor sich hin.
'Ich hab' es doch gewusst', dachte das Kind, und als ein merkwürdig steifer, metallisch glänzender Adler vorbeiflog und dem Kind zuzwinkerte, wunderte es sich überhaupt nicht und winkte zurück.
'Ich hab' es doch gewusst', dachte das Kind wieder, 'die großen Leute wissen gar nichts, sie sehen die wirklichen Dinge nicht.' Und es kuschelte sich zufrieden in den Sitz.
An diesem Tag kam ein Bus am Busbahnhof an, dem das obere Deck fehlte. Niemand konnte sagen, wann und wo es abhanden gekommen war und es wurde auch nie wieder gesehen.
Le chat noir
27.12.2009, 22:53
einmal las ich
zwei dinge nur im leben
seien wirklich wichtig
die liebe und der tod
eine geschichte erzähltest du mir
führtest mich auf einen berg, in einen raum
bleiches licht, stille für einen augenblick, zeit
in gedanken betrete ich noch einmal diesen raum
betrachte sie – die geliebte - still, schlafend im licht
gehe umher, achtsam, perspektiven ändern sich
einzelne worte schreib ich mir
liebe und tod
raum und licht
stille und zeit
betrachte sie, gehe umher
löse und verbinde sie neu
perspektiven ändern
raum und zeit
stille und liebe
tod und licht
liebe und raum
zeit und stille und licht
raum und licht und liebe und zeit
perspektiven ändern, wenn man geht
Einmal las ich
perspektiven ändern, wenn man geht ...
und wenn eine stunde kommt
die weiß ist und von stille geprägt
dann schweigen auch die dröhnenden stimmen
und die schimpfenden spatzen
es bleibt raum und zeit
um einen neuen klang zu sähen
vielleicht hörst du ihn
:umarm:
@Tiro
das ist gut, das gefällt mir:)
http://www.cosgan.de/images/more/schilder/113.gif Angie und Siyu
Meine Frau hat Migräne. Sie muss starke Mittel nehmen, aus dem Gift des Mutterkorns, das am Getreide als Schmarotzer wächst. Ich lernte vom Donnerkraut und vom Augentrost, dass sie im Mutterboden der Kuhwiesen sich an die Wurzeln der Gräser andocken und ihnen Kraft entziehen. An diesen Stellen finden die Kühe weniger Futter.
Dieses Verhalten der Parasiten-Pflanzen erinnert mich an nicht-lineare Prozesse. Viele deuten die Natur falsch, weil sie ihr zu wenig zutrauen. In meinem Roman (nur 113 Seiten) kommt das Thema auch vor.
Am neunten Tag hatten sie einen Kranken in der Gruppe. Es war Friedhelm. Er benahm sich höchst sonderbar. Waren ihm Substanzen nicht bekommen, die sie (die Psycho-Frauen) ihm heimlich gegeben hatten? Hier die Symptome.
In sich gekehrte Stille und Unlust zu sprechen, den ganzen Tag. Er setzte immer wieder neu an, um eine andere Wortfügung zu finden. Am Mittag hatte Friedhelm heftigen Hunger ohne Appetit. Was man ihm hinstellte, verschmähte er. Dabei knurrte sein Leib vor Hunger und Leere. Friedhelm klagte über ein Pochen in zwei Zähnen. Beim Aufstehen mühsames Atemschöpfen.
Der Kranke wurde von Anabelle Kirschkuchen betreut. Ich bin ein Kräuterweib, sagte sie. Ich gebe dir Extrakte des Donnerkräutleins, Friedhelm. Dieser Halbschmarotzer greift in den Stoffwechsel ein. Die Bauern mögen die Pflanze nicht. Die verzweigten Wurzeln des Donnerkrauts dringen mit kleinen Ausstülpungen und Warzen in den Nahrungskreislauf der Wiesengräser ein. Den Kühen bleibt nur ein geschwächtes Gras.
Die Kinder hüten sich, Donnerkraut abzupflücken und mit ins Haus zu bringen. Das würde Gewitter anziehen und den Blitz aufs Haus lenken.
*
Annabelle Kirschkuchen besaß Kräuterwissen. Am Krankenbett sagte sie Friedhelm, was sie von den Weißkitteln hielt und ihren chemischen Keulen.
Wenn Halbschmarotzer wie Donnerkraut und Augentrost die Kraft haben, in den Stoffwechsel der Wirtspflanze einzugreifen, so wirft das ein Licht darauf, welche Prozesse sie auch beim Menschen auslösen können.
Friedhelm, denke doch an den Virus, sprach Annabelle, der auf der Vorstufe zum Lebewesen steht. Der Virus benötigt, um sich zu vermehren, den inneren Bauplan einer lebenden Zelle. Und was geschieht? Der Virus, wenn er ins menschliche Blut eingedrungen ist, überfällt eine geeignete Zelle. Ihr entreißt er den Bauplan. Mit dieser Information, die er sich einverleibt hat, beginnt der Virus sich zu vermehren. So wird er für den Menschen zu einer wachsenden Gefahr.
*
Viele deuten die Natur falsch, weil sie ihr zu wenig zutrauen.
Im Film ´Der Name der Rose´ sagt William von Baskerville zu seinem Novizen Adson von Melk, der ein dringliches menschliches Bedürfnis hat, aber nicht weiß, wo sich der Abort befindet und den Meister in seinen Ausführungen nicht stören will:
"Um die Natur zu beherrschen, müssen wir ihr gehorchen".
in einem französischen Theaterstück geht es darum, ob das Ehepaar noch sex hat. Das hört sich so an
"Seit geraumer Zeit sieht der Graf davon ab, die gnädige Frau körperlich zu verehren".
Der Doppeldecker
Das Kind fragte seine Mama, ob der Adler auf der anderen Seite der Münze wegfliege, solange man gerade die Vorderseite betrachte. ...
Schön, Dein Doppeldecker, Mirrija. Phantasievoll. Gefällt mir.
Trümmerfeld
04.01.2010, 20:12
...
September
05.01.2010, 20:55
duisburg, ein bisschen wie italien
risotto ai frutti di mare, fussball
„ain’t no sunshine when she’s gone“
tausend kilometer sind nicht genug
zum ersten mal habe ich genug
überglücklich im heissen wasser
nach tausend kilometern überglücklich
„sonnenzeit“ singt der mann aus bochum
Ich war auch entäuscht Trümmi. Eben wollte ichs lesen, da wars schon weg. :cool:
September
06.01.2010, 07:19
Das Kind fragte seine Mama, ob der Adler auf der anderen Seite der Münze wegfliege, solange man gerade die Vorderseite betrachte.
Hallo Mirrija
Ich habe ein bisschen über deine wunderschöne Frage nachgedacht.
Für uns Erwachsene „zählt“ die 1 auf der Münze, und wenn wir sie betrachten, sähen wir gerne eine 1'000'000 :rolleyes: oder lieber noch mehr. Auf die Idee, den Adler von der Münze fliegen zu lassen, bin ich ehrlich gesagt noch gar nie gekommen, aber sie gefällt mir!
Es ist wie mit den Dingen, die wir in unserem Leben vorfinden: sie sind wie sie sind, eine „1“ eben. Aber wie wir sie betrachten und was wir aus ihnen machen, hat wesentlich mit unserer Fantasie zu tun. Man liest immer wieder: „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume!“. Ich weiss wie dieser Satz gemeint ist und finde ihn trotzdem falsch. Ich glaube, um Träume zu leben, muss man das Leben träumen können!
Eine „1“ ist eine „1“. Aber was soll der Adler, wenn nicht fliegen?
Deine Geschichte gefällt mir sehr :) .
Glückstadt, eine Umleitung, dann ein Deichdurchlaß und dann Wewelsfleth. Dorfstraße, hatte sie gesagt, - die Hauptstraße. Ich fuhr und fuhr. Vor dem sehr bescheidenen, niedrigen Haus Nr. 3 fand ich einen Parkplatz. Ich blieb im Auto sitzen, weil es vor der Zeit war.
Wie hatte Ada gesagt? Ich stehe nicht früh auf. Habe dann noch gar nicht gefrühstückt. Und ohne Kaffee, weißt du ...
Ich stieg aus. Konnte durch die Scheiben, mit Kleinbürger-Gardinen, im Parterre ein Plüschsofa sehen. Klingelte. Nichts geschah. Da das Haus in einer Einbuchtung lag, in so einem Wegschwinger von der Straße, fragte ich zwei Frauen, wo denn die Nr. 3 wäre, das Haus mit den Schriftstellern.
Es war nicht weit. Zwischen Edeka und Bona ein schnuggelig anheimelndes altes Haus, zwei junge Bäume davor. In der Tür die freundliche Frau, von der Ada geschrieben hatte. Ich möchte zu Ada. Möchten Sie selbst hinaufgehen oder soll ich Bescheid sagen?
Bitte sagen Sie Bescheid. Ich las rasch den Zettel an der Wand im Vorraum. Thomas Mann: Ein Schriftsteller ist ein Mensch, dem das Schreiben schwer fällt.
In Adas Schrift. Wie lieb, fand ich. Ich mag sie. Kommen Sie runter? rief die Landfrau hinauf, und dann: sie sind ja schneller als ich.
Ada war schon da. Die Stiege, und noch eine Stiege. Ich war gar nicht verlegen. Der hohe Raum, das schräge Dach freigelassen, mit Balken, er gefiel mir. Wir fanden uns beide kleiner als letztes Mal.
Eine Literatin hauste hier, ein Schreib-du, eine Herausgeberin. Ich hatte Achtung vor ihr. Aber wie sollte ich es mit ihr verbinden, die so klein war und blankäugig und huschelig?
Mädchengeschichten, herausgegeben von Ada. Ganz frisch. Ganz neu.
Ich war beeindruckt. Also doch, Ada, bist du eine Instanz. Ein Wesen, dem ich mich - in einer Weise - unterordne. Ach, hast du Kompetenz. Ein Hauptbuch war aufgeschlagen, so richtig ein Brocken im Format für eine Buchhalter-Leidenschaft. Adas Schrift war drin, ein Schlachtfeld. Krakel und umgestürzte Krieger, wohl das Tagebuch. Oder die Monatsausgaben. Oder Schreib-Pläne.
War Chaos im Raum? "Ich lass mich leicht ablenken", gab sie zu.
Wir sprachen gleich von ihren Übersetzungen. Auf den liparischen Inseln hat sie ihren ital. Sprachlehrer aus dem Wedding gezähmt. Er hat ihr die Hälfte der Reisekosten erstattet und außerdem das Lehrmaterial nicht zurückgefordert.
Wir stiegen in mein Auto und fuhren zum Mittagessen. Diesmal keine Erbsensuppe wie im Café Spieltrieb, hatte ich angekündigt.
* Christian IV *
Es war gar nicht so einfach. Es war 10 vor 1 und wir standen in Glückstadt auf dem Markt. Links ein Kino. Daneben, schmal, das erste Haus am Platze. Christian IV. Wir hinein. Nur eine Schummer-Ecke frei. Mit Tangobeleuchtung. Ada war nicht dafür. Wir wechseln gleich zum Fenster, wenn dort frei wird.
Wir bestellten Matjesheringe mit Bratkartoffeln.
Mich fand sie, als wir dann in Helle und freundlicher Wärme am Fenster saßen im "Christian IV", wieder etwas größer.
Du bist nicht Wilhelm II, sondern der erste Wilhelm, den ich kenne.
Ich erzählte, dass ich, als ich von Zuhause weg war, lieber nicht "Wilhelm", genannt werden wollte. Meine 1. irdische Liebe hätte mich "Tonio" gerufen. Damals war ich 20. Wie ich mit ihr auch über Deiche gegangen wäre, drüben auf der anderen Seite, in Stade, aber unter Apfelbäumen.
Ja, eine irdische Ada, und nun heute auch mit Berlin-sound, ziemlich deftig, was wiederum ein Thema abgab, nämlich auch einmal "unter sich" und gelöst zu sein. Ada gab ein Beispiel. Ich sprach von Thomas Mann und den, wie er sie nannte, "Wonnen der Gewöhnlichkeit".
Ich mag das, mal gelöst sein. Die Dinge laufen lassen.
Eine Steigerung muss da sein, sagtest du, sonst gibt es nicht zu freuen. Sie machte ihr Gesicht wie Heiligabend vor dem Bescherungszimmer.
Verheißungen, das war es gerade nicht, was von ihr ausging, aber ich fühle doch, wenn sie da ist (und sie ist oft "da"), dass sie etwas abgibt und dass sie eine konzentrierte Art und Weise hat, vorhanden zu sein, gegenwärtig, präsent, oder wie ich es aussprechen solle, es hat mit Konflikt zu tun und mit der Zweipoligkeit des Daseins. Alle Lebensprozesse, sagte einer von uns, haben ein offenes Ende, eine Wahlmöglichkeit, einen liberalen Ausgang, den man zum Teil selbst bestimmt oder der sich durch Zufall (hier schlug sie die Augen noch größer auf und korrigierte sich) : durch Fügung auftut.
Die Weggabel begegnet uns viel öfter auf dem Weg, als uns klar ist. Jeder Mensch ist eine Weggabel in sich und eine Weggabel dem anderen.
Sie griff sich ans rechte Auge. "Da zuckt etwas", sagte sie. Es sind deine Nerven, sagte ich, es ist deine Hab-acht-Stellung und deine "Schuss-aus-der-Hüfte"-Haltung, sagte ich.
Alle trauen mir alles zu, bestätigte sie, als ich es ihr auf den Kopf zusagte.
Das Thema "Berechnung" war auch dran.
Ich sprach von der Sinnlichkeit und dass es Menschen gibt, die kein Verhältnis zum Leib, zum Blut und zu den Körpersäften haben und die das "rühr mich nicht an" aussprechen im Blick, wie sie gucken, wenn man ihnen die Hand in den Nacken legt.
Das kribbelt so, sagte Ada, und tauchte weg.
Man zieht sich dauernd voreinander aus und ist nie nackt.
Küssen, Innigkeit von Haut an Haut der in einander gelegten Handinnenflächen? La palma di mi mano.
Wann gibt es das. Und für wen. Und warum. -Erfüllungen, auf den Gipfel kommen, es schießt ein, es bricht durch, wie
aus dem glas-trüben Bonbon, den du lange genug im Mund gewälzt hast: - plötzlich bricht die Flüssigkeit durch, kühl, plötzlich, ein Erguss von Himbeer-Geschmack oder Wodka.
Eros erfasst ergreift den ganzen Menschen, auch den Leib, die Körperwärme, den Vermischungsdrang. Du bist dabei, jemanden anzufassen, ihn zu packen, Hautkontakt, Umdrehungen, er über mir, ich in ihm. Körperöffnungen, in die man eindringt: Glückslöcher oder Verfremdungskuhlen, die gar nichts mit uns zu tun haben?
Der Leib: - Zum Schatten, den du hast, musst du dir, wenn du eine Person werden willst, sagt FN, auch einen Körper zulegen.
Ihr Haar war länger gewachsen, als im Café Spieltrieb. Sie reibt es mit Öl ein, weil es leicht trocken ist. -Kraft im Haar, und dem Gehirn blieb auch noch etwas.
Man konnte ihr nicht an den Wagen fahren. Sie war kompetent, in ihren Sätzen und Nebensätzen ebenso wie in ihren Hand- und Hüftbewegungen. Sicherheit, natürliche Kraft. Scheu zwar und Distanz, aber doch auch das Hineinspringen und das Sich-mit-reißen-lassen.
Taschentücher, die waren dran diesmal, ganz anders als im Café Spieltrieb. Ada war leicht erkältet. Es ging bis in die Stimme. Aber sie war gar nicht zimperlich, sondern sehr jugendbewegt pfadfinderhaft durabel. Meiner Bitte, ich wolle nun auch eins ihrer soften specials, kam sie nicht nach: alle schon vollgeschnupft.
Da haben sich zwei gefunden, die beide einen Vogel haben. Aber einen verschiedenen.
Ich sagte: du bist ja längst ins Fenster eingestiegen. Und längst wieder woanders. Und doch noch in meinem Oberstübchen. Du hast da etwas festgesetzt, Ada.
Filz ihrer Jacke braun oder grün? Mein gestörtes Farb-Unterscheidungsvermögen. Meine Blindheit für Buntes.
Ich spinne dir vielleicht zu viel, sagte ich, aber bei all der Wolle ist dann plötzlich ein Faden dabei, der zieht.
Es ist, sagte sie, ja direkt deine Methode und du legst es darauf an, in mir Eigenschaften zu vermuten, die du hintereinander bis in den Gegensatz und bis in den Widerspruch hinein ausbreitest, ohne dass ich dir einzeln dazu einen Kommentar gebe. Ich möchte sie nämlich gern alle hören, deine Spinnereien.
Vielleicht stimmt ja alles, was du sagst. In mir sind diese verschiedenen Menschen drin.
Ich sprach vom Fächer. Vom zierlich hübsch bemalten chinesischen Fächer. Wenn er geschlossen ist, ist alles drin. Ist nicht mehr drin, wenn er geschlossen ist? All diese Möglichkeiten. All diese gemalten Bilder. -Aber wenn du ihn öffnest, erst zur rechten Seite, ein wenig, - wächst das Erstaunen und die Freude. Aber ihn ganz öffnen, sperrangelweit, bis es kracht und knirscht und du ihn so weit nach außen spannst, dass die Streifen an den Gelenken und den Rippen und den Streben sich blass geöffnet haben, bis die Zeichnung Lücken hat, Abgründe, Ada, - ist das gut?
Das Bild des Fächers gibt überhaupt etwas her. Von unserer Entfaltung. Und wenn wir verschlossen ist, ist doch alles da. Hübsch bewahrt.
Bei dir, sprach ich, kann ich Künstler und Hallodri sein, ein schweifender Poet und ein hüpfender Gaukler der Ideen.
Und was des Werbens und Lobens mehr war, das aber dünner und lebloser ausfiel, als sie verdient hätte.
Im Christian IV war ich viel weniger höflich als im Café Spieltrieb. Meine Positivschüsse hatten auch nicht mehr das trockene Pulver. Ich wollte ihr nicht wehtun. Kommst du auch auf deine Kosten, Ada? -Ich versprach, eine Geschichte drüber zu schreiben: Zwei Stunden in Glückstadt.
Darum möchte ich auch bitten, sagte sie.
Müde zu sein und es zu-Ende-denken, Ada, dem anderen zugewandt sein, er spricht, und du hörst, und manchmal, wenn du sprichst und ich höre und wenn dann das Wort schnell hin- und hergeht, dann ist auflaufende Flut, und von Dresden her drückt die Elbe und von Brunsbüttel die Nordsee. Mischung, im Anstemmen, im auf-drauf-laufen, ich bremse dich nicht, du lässt es geschehen, Überschwang, eine Redezone im Überfluss, in der Überlappung, wo der Stiefel des kleinen Mädchens neben dem Jungen (ich bin dieser Junge) steht, der in der Kinderkarre ist und neben ihm sitzt der Wolfshund vor dem Hotel Doppelkrone in Neumünster, der auf ihn aufpasst. - Ich kann so gut von mir sprechen bei dir, Ada, und Dinge sagen, die dich gar nicht belasten sollen, aber mir Luft machen. Ausgesprochen, verlieren sie ihre Bitterstoffe. -Du hast etwas an dir, Ada, du hast etwas in dir, ist es ein Honig oder ein
Klabautermann-Stock, nach dem man springt. Ich weiß es nicht. -Das Unheile in dir, das vielleicht da ist, und die Harmonie-Störung, die dich bedrängt, wie ich immer vorwitzig vermute und es auch ausspreche, - kann ich dir etwas freies Feld bieten, um es zu lösen und zu lockern, was dich als Klammer festhält in Zwang und Geheimnis? Sonst wäre ich ja berechnend. Aushauerisch, wenn du diesen Ausdruck kennst. Wo du inzwischen weißt, was "Knöf" ist. Ja, die Neugier auf andere Menschen. Darauf begierig sein, Lob zu hören und darauf versessen, sich an anderen Menschen auszuprobieren.
Ada trug das Messer im rechten Stiefelschaft. Wir sprachen lange darüber, und meine Erzählung vom Eindruck meiner erschnüffelten Problematik eines Mädchens, das zugleich liebt und dann doch tötet. Der Stich, in den Rücken des Mannes, plötzlich, und wie im Zwang. Das verblasste, sobald ich es berichtet hatte. -Vom Tod sprach ich ihr und von der Anwesenheit im hellen Tag und im Glanz des schnellen Augenspiels. Ich entschuldigte mich dafür und meine Worte standen wurzellos im hellen Mittagslicht, das von draußen, vom Markt kam.
Lyrik, Wilhelm, sagte sie und sprach das "Wilhelm" natürlich nicht, ich setze es nur hier hin, damit man weiß, wer spricht. Wilhelm, dein borderline-Artikel über acht Gedichte mit dem Bundesgrenzschutz, das ging doch um Inhalte, aber nicht um Formen.
Was hast du davon, fragte sie. Was haben wir davon, antwortete ich mit der Gegenfrage. Wir peilten beide die Antwort an.
Ich sprach von Novalis und vom Tisch der Sehnsucht, der nicht leer wird. Ada sprach von den Zielen, die man vielleicht nie erreicht. Sie anzusteuern, ist das schönste. Das darf an mir nicht wegnehmen. Es geht auf mein Risiko.
Adas Briefe: - Jede Seite ganz ohne Rand, links + rechts = beängstigend. Murkelschrift, Krakel und wurzelige einzelne Buchstaben. Gequetscht manchmal wie die Stimme aus der Telefonzelle. Die Stimme, die an der jungen Frau hängt, die der Katze mit den blutunterlaufenen Augen das Futter hingeworfen hat. Wechselnd ist diese Stimme. Unterschiedlich. Wie aus verschiedenen Personen kommend. Flach, klein das eine Mal - dann mit einem Mal im Wechsel vollmundig. Ada ist in dem Sinne naiv, wie ein Kiesel, der daliegt, nass vom Bach, in der Sonne, ein Stück Natur ist und glänzt. Zerrkräfte in ihr wie Stauch und Zug in der Flugzeugwerft, ich sah diese grausame Belastungsprobe am Material.
Zeit, die nach vorne stürzt. Die erst schwillt und sich füllt und sich aufbläht. Die dann nicht mehr gezählt wird und in einer Art Atemlosigkeit der Fragen und erstaunten Augen und Ohren nach vorne stürzt. In welches Vorne und in welches Wohin? -
Ich erlegte mir keine Fesseln auf. Meine Höflichkeit aus dem Café Spieltrieb war wie weggewischt. Ich sagte ihr auch nicht, dass ich es genösse: wie sie dem Gespräch standhält. Wie sie ihm eine Wende gibt, mich übertreffend.
Lou Andreas-Salomé, kennst du die? Sie war mit Nietzsche, Freud und Rilke befreundet. Ich werde dir über sie schreiben. Sie ist wichtig. Sie musste sich als Frau, die Geist hatte, durchsetzen.
Thomas Manns Mutter dunkelhäutige und -äugige Südamerikanerin.
Von Visby sprach ich, wo die Stadt mir ein Essen gegeben hat, nachdem ich in der Stadtbibliothek öffentlich aus meiner Lyrik gelesen hatte, ich die deutschen Originale, der Bibliotheksdirektor meine schwedisch geschriebenen Originale und die schwedischen Übersetzungen. Den Tag zuvor hatte ich den alten Gotländer auf dem Lande besucht. Seine singende Stimme, Ada.
Die Themen purzelten. "Weiblicher Hamlet", diese Figur schlug ich ihr vor, mit mir zusammen zu schreiben. Wir haben eine Arbeitsbeziehung, Ada.
Als ich im Christian IV vom Kabinett zurückkam, saß sie am Fenster in neuer Weise. Eine Fremde. In Ruhe und schöner Auswaage.
Wer bist du, fragte sie mit Lächeln der Augen.
Weiß ich es?
Du hast die ganze Zeit von mir gesprochen.
Nein, Ada, ich habe die ganze Zeit von dir gesprochen.
Das ist wohl fast dasselbe.
Kommen wir auf unsere Kosten?
Auch Sie verschwand nach hinten.
Da sagte ich mir, dass ich auf meine Kosten käme. Ein Wewelsfleth-Tag, ein Kriege-Tag. Etwas bekommen, das man sich nicht nimmt und das man nicht verlangen kann.
Ich sagte zu mir: du bist ja längst ins Fenster eingestiegen. Und längst wieder woanders. Und doch noch in meinem Oberstübchen. Du hast da etwas festgesetzt, Ada.
Nach einem Monat musste ich dich erst wieder sehen und sprechen, sagte sie.
Am Telefon hörte sich gestern deine Stimme so an, dass es mir gar nichts sagt.
Du hast zwei Höhen in deiner Stimme. Eine fehlte.
Manches taucht weg, anderes taucht auf. Wie Schwimmer waren wir im Gespräch, manchmal auch wie Schiffbrüchige. Verliebte kriegen keinen Schnupfen, sagt Nietzsche. Damit meine ich nicht uns.
Meine Mutter, sagt Ada, vor dem Altar, hatte einen Schiefhals, und die Beine ihres Mannes kaputt vom Knie bis in die Gelenkpfanne der Hüfte.
Andere bemühen sich um mich, ohne Belohnung, ich bin ein Zauber für jeden Hinzutretenden, und wer vorübergeht, blickt sich noch um. Und jener Mann, Ada, als wir Mittag aßen im Christian IV, an der Theke ein Gast, er saß herübergewandt, zu uns, neben ihm die kleine. Schwingtür, halbhoch, ihre beiden Flügel, klappten und schwangen, aber er lauschte zu uns hergebeugt: Wir zwei Teufel im Fingerhakeln.
Ich bat Ada, mir Gesichterschneiden, das sie bei mir sieht, sofort zu melden.
Sie lachte: du ziehst die rechte Augenbraue hoch.
Das ist, sagte ich, leider nicht alles.
Wußte sie denn, was ich wirklich „habe“, als Eigenart, als Tick? Das Haar stand ihr zur Seite ab und glänzte eigenartig und war von geheimer Kraft, ein Bausch und Strauß - nicht zu übersehen.
Ich blickte immer wieder auf ihr gedrilltes gekraustes Krafthaar und in ihr schönes Raubvogelgesicht. Kraft hast du, sagte ich. Am Mittelmeer, mit oder ohne Kopftuch, gehst du überall durch. Über den Nilschlamm gebückt, Safran-Geschmack in den Mundwinkeln.
Da ist ja was rübergewachsen vom Nagel, Haut zu viel, Nagelbett, sagte sie. Hände Begucken bringt Ärger, sagte ich. Wir verglichen unsere Daumen.
Hast du Kummer an den Zwischengelenken? fragte ich sie.
Was wirklich schlimm war: jeder hatten wir am Morgen die Nägel geschnitten.
Und ziemlich gekatschelt, Wilhelm, muss ich schon sagen. Beide waren so haargenau ähnlich kurz gekatscht und murkelig, dass wir beide blass wurden und das Thema wechselten. Auf meine Andeutungen und auf meine Instabilitäten ging sie nicht ein. Ada stimmte aber sogleich zu, als die dritte Stunde angebrochen war, die nicht vereinbart war.
Wir verließen Christian IV. Wir gingen zum Hafen.
Frisch war es. Ich zog meinen Schal fester. Zum Glück war Ada gut verpackt. Eine Tasche hatte sie nicht. Ihre sieben Sachen hatte sie in den Brusttaschen.
Auf der Hafenmole der Zylinder mit den Entfernungs- und Richtungsangaben.
Ada zeigte mir die drei Atomkraftwerke und wie wir mitten drin waren.
"Wollen wir zusammen hoch gehen?" lud sie mich ein und legte die Hand auf die kühle Eisenplatte.
Das Kind da auf der Bank, guck dir das an, ist es allein? Aber dann sahen wir erst den Drachen, dann den Vater und dann in der kleinen. Faust des Kindes auch die Leine. Bott-lassen, das Seil für den Drachen freigeben, ihn weit auf- und hoch fliegen lassen, diesen Ausdruck erklärte ich ihr. Ada schwieg. Wir standen ratlos zwischen Fleetstrasse und Hafen. Wo geht es längs? Ein Maurer und ein Bauingenieur auf der geschütteten Betonfläche, gerade trocken, besprachen, wo es weitergehen sollte. Meinten Sie uns? Der Mauer lachte. Wir sagen ihnen, wo sie längs müssen. Was suchen sie? Unser Auto, sagte ich und er lachte. Da kann ich ihnen auch nicht helfen.
Wer konnte mir helfen? Ich ging neben Ada weiter, ohne sie einzuhaken.
Die Kunst besteht darin, die Lampe auch wieder auszuknipsen, die man hell und gnadenlos ausleuchtend in die Ecke gerichtet hat. Im Winkel muss auch mal wieder was nachwachsen in der Dunkelheit.
* Im Störfeld *
Wir fuhren zum "Störfeld", wie das Flurstück hiess, weil es hinter dem Fluss Stör lag.
Als Ada über das Gatter stieg, um auf den Deichhang zu kommen, sah ich, wie koboldhaft sie war und wollte zu ihr spontan "Zwergnase" sagen, verkniff es mir aber.
Wir gingen Richtung Atomkraftwerk. Erst oben auf der Deichkrone. Im Wind.
Dann unten. Ich sprach Schafe an.
Das Schaf, mit dem ich Erfolg zu haben glaubte, ließ sich zuerst ganz gut an.
Es sollte sitzen bleiben und nicht so unruhig hochkommen wie die anderen.
Ich nahm ein Papiertaschentuch, entfaltete es, ging nieder in die Hocke, und fing an zu signalisieren. Vielleicht versteht es die Mars-Zeichen-Sprache, sagte ich. Aber erst irritiert eine Weile gebannt, aber dann in Panik, kam es hoch. Rannte schneller als die anderen. Aber ein Nachbar, bei dem hatte ich in einer Weise doch Erfolg. Er hatte nämlich meiner Zeichensprache zugesehen.
Und nun stand er mit veritabler Schafsverblüffung im guten Gesicht herüberblickend regungslos da.
Das Offene im Leben, zwei Menschen im Flugzeug, diese zwei Stunden, keiner ist dem anderen verpflichtet, sie werden sich nicht wiedersehen. Später sind diese Stunden wie ein Fenster, durch das sie ins Leben des anderen, in das eigene Leben, und in das Dritte hineinsehen, in das Absolute, das nicht persönlich gefärbt ist.
Ich griff nach Adas Hand. Die Hand war fest und klein. Nicht so kühl wie ich gedacht hatte und nicht so trocken.
Ada, sagte ich, es ist eine Chance darin, sich zu kennen und nicht zu kennen, auf einer Demonstrationswiese, im Spieltrieb, auf dem Störfeld am Deich, hinten die grausam schimmernde Kuppel des Atomkraftwerks.
Eine Chance ist es, Ada, ein Weltinnenraum, in dem wir beide sitzen und aufeinander los sprechen wie zwei Teufel. Oder wie zwei Engel. Aufsteigende oder gefallende und gefallene, pausierende oder startende Engel.
Ich finde es ja auch gut, sagte Ada, wenn du mich bloß zu Wort kommen ließest.
Wir gingen nun draußen vor dem Deich, unten, am Strom. Immer noch blass und böse die Kuppel des Atomkraftwerks.
Nun auf dem Deichvorland ging mir die Puste aus. Ada sprach, und immer gegen den Wind. An wichtigen Stellen drehte ich sie um, damit sie nach hinten sprach und ich nach hinten hörte, in den Windschatten hinein. Schafmist im Weichbild des Atomkraftswerks, auflaufende Flut, wie sich das Wasser der Elbe von Dresden kommend gegen die Flut stemmt, die von der Nordsee hereinläuft.
Trägst du eigentlich keine Strumpfhosen? fragte ich Ada, die "Vor-Wade", die da zu sehen war, war zum Glück nicht halb so zerbrechliche wie die Gesamtgestalt meiner jungen Zauberin.
Nicht die Unvernunft und der Ideen-Drall waren bei der Jugend, sondern bei mir, und Ada hatte die Mäßigung und die Einteilung und zog die Freude und die Schwirr- und Glücks-Energie-Einheiten auf Flaschen.
Wir kletterten zurück über die mulschige Stelle zuerst mit spitzen Füßen und dann über das Gatter. Noch ein Blick zurück zu Schafen, Deich und dem wind-verwehten Himmel. Ein zausiger Tag.
Da waren drei Stunden überschritten, und das war reichlich. Ich war glücklich und erschöpft, in dieser Reihenfolge. Als ich das Auto aufgeschlossen hatte und an der Heckklappe hantierte, war Ada besorgt, wo ich mit dem Schlüssel bliebe? Sie hat Einfühltalente, auch in Defizite, aber sie bemüht sich, wie sich in den Jahren ergeben hat, nicht zu sehr mitzuschwingen im Defekt-Feld anderer und auf der Stimmungsschaukel des Tagespartners oder beim Sauseschwall der sich drehenden Spindel des Spinners.
Ich kann in einen Zug mit einsteigen, nur weil ich mich mit dem Fortreisenden gerade gut unterhalte.
* Ende - und Abfahrt: *
Ich war so tief eingetaucht in unsere Zeitschleuse, so im Wirbel gedreht und gewandelt und gebeutelt, dass ich Ada bat, mir das richtige Mauseloch für meine Rückfahrt in Richtung Autobahn zu zeigen. Ada stieg in ihren roten Fiat 127 und fuhr voraus. Sie würde blinken, Notlicht, kurz, wenn ich geradeaus weiter fahren sollte und sie nach Zuhause abbiegen würde.
Ich, noch beschwingt und von Zwergnase verzaubert, war schusselig. War das nun da das Notlicht am kleinen Fiat? Hat der überhaupt so ein normales richtiges Blinklicht auf beiden Augen oder hat Ada nur gebremst?
Ich war im Zweifel. Ich fuhr geradeaus. Ich sah sie nicht wieder. Ohne zu wissen, ob ich richtig war.
für Sensible mag jener Besuch bei der Schriftstellerin Ada, 23, aufschlussreich sein, weil die Ich-Figur jene junge Frau, die er, der Erzähler, umkreist, überhaupt nicht "meint". An eine Annäherung denkt er im Traum nicht. Er spricht von Berührungen und Küssen. Aber alles bleibt nur Spielen mit Vorhängen, die sich öffnen und schliessen. Autistische Ensprengsel sind nicht zu verkennen. :)
Es stand in einer Fachzeitschrift: Die Reiseführer in den Regalen angesehener Buchhandlungen sind manitpuliert.
Von Inselgruppen sei dort dir Rede; doch mit Nichten handle es sich dabei um Gruppen im herkömmlichen Sinne. Die einzelnen Individien wiesen keineswegs eine eindeutige Zusammgehörigkeit auf. Vielmehr sei es der Engpass an Romantik und Sinnstiftung, die den Menschen verführe Gruppierungen anzupreisen, wo tiefe Wassergräben die Einzelnen unüberwindbar voneinander trennten.
Eine Verhaltenweis, die als Dummheit ausgelegt werden könnte. Eine Verhaltensweise, die zur Verteidigung die unstillbare Sehnsucht nach Vereinigung und Zusammenhang heranziehen könnte.
Allein die Annahme einer alles durchfließenden Erdenergie biete eine Möglichkeit an dem Altbekannten festzuhalten. Wem das zu abstrakt sei, bliebe es frei, die einzelne Insel mit der gebührenden Neugier zu betrachten. Eine Betrachtungsweise freilich, die die Bemühung auf sich nehmen müsste, ohne Verbindungszwang und Interpretationsbemühung auszukommen.
war das von dir als "eigener Text" präsentiert, Junia?
Öhm, ja, Clown.
Es war eine Spielerei am frühen Nachmittag. Ist er hier sehr unpassend? Ich nehme ihn gerne raus. Er ist ja keine Geschichte und auch kein Gedicht. Aber erfunden ist er natürlich schon. Ich lese ja gar keine Fachzeitschriften....
Entschuldige bitte Clown, dein Text - ich mit Ada im Störfeld - ist schwierig zu lesen, weil die Schrift so unterschiedlich groß ist und ich da immer über die Zeilen stolpere. Darf ich ihn von der Schrift her in eine lesbarere Version bringen?
winterseele
blaue schatten
kühler hauch
nebel
winterseele
weisse decke
lange wege
frost
winterseele
warmes licht
güldene kerzen
herz
Angie, ich hab jetzt selbst mal versucht, die Schrift meines Beitrags # 117, "Ich und Ada im Störfeld" zu normalisieren. :) Du darfst noch eingreifen, wenn nötig! ;)
Jetzt ist es super zu lesen, Clown, so kann es bleiben. Danke! :)
aus meinen Entwürfen "Mit Hegel im Unterholz".
Die Befriedung meiner in mir selbst ist die Flucht aus der Welt, - Tatenlosigkeit. Was aufhört, Prozeß zu sein, ist nicht mehr. Zeitlimit, Zeitschiene, der Augenblick. Die Uhr im Kopf bewegen. Der Mann, der mit sagenhafter Langsamkeit vorangeht, aber sein Ziel, seine Richtung, sie stimmen. Dagegen die Menge, die voranstürmt, mit bahnbrechender Schnelligkeit. Leider in die falsche Richtung. - - Der Augenblick, wie oft hatte er sich damit beschäftigt, wie ein verrückter Engländer nach Griechenland fährt, das verzauberte Tal aufsucht, wo noch dicht an dicht die Bäume stehen und den Blick versperren auf die schimmernde Bucht. Der Engländer holte aus dem Dorf hundert Männer, die jeder einen Baum so weit ansägten, daß beim Pistolenschuß alle zuglerich fielen und dem Engländer den Blick freigaben plötzlich aufs Meer, in einem blitzhaft beglückendem Augenblick.
Was sich mir nichts dir nichts aus dir herausstülpt: du bist ein sehr begabter weiblicher Mensch. Gib mir ab von deiner Kraft, so wurschtig sie auch teils hervorquillt. Heidelinde war anderer Meinung. Einige Bräuche, was Bräute und Bruch, Bräutigam, erste Nacht, betrifft, bedeuten ihr Brunst, Brachialgewalt, bulliges Bedrängen. Bedrückt, Niedergeworfen und durchdrungen, zerstoßen zu werden mit einer Heftigkeit, auf die wir Frauen gern verzichten können.
Mein griechischer Inselwinter, sagte sie, im türkischen Dorf gab es die gute Keramik, auf dem Weg zum Heiligtum. Der Berg durfte nicht von Schwangeren betreten werden. Zur Nacht wurden die Kranken in Erdvertiefungen gelegt zum Träumen. So Vermählung in der Erde. Errettung aus dem Labyrinth, nicht verschlungen zu werden vom Minotaurus, da half der kultische Brauch der Eiresione, sie zählte zu den Augenblicksgöttern, man huldigte ihr durch Tallophorein, das ist das Tragen von Zweigen, man nimmt einen Ölzweig, knüpft Fäden roter und weißer Wolle hinein, hängt Schmuck in den Zweig und Erstlinggsfrüchte. Die Kraft des Zweiges verstärkst du, indem du den Inhalt der in ihn angehängten Gefäße über ihn ausgießt
Camus nannte Sisyphos einen glücklichen Menschen.
Ja, aber nur, solange der Stein runterrollte, glaube ich.
Hast Du denn Zugriff auf Beiträge anderer User?
Nein, warum? Ich bin keine Moderatorin.
Ich kann nur einen Beitrag zitieren und ihn dann ändern, deshalb mein Nachfragen bei Clown.
In Hamburg-Harburg, im Helms-Museums die Jungen liegen auf den Glasplatten. Eine quirlige Vitrinen-Last! Sie drängen, die Frage-Liste abzuarbeiten: "Wovon haben sie gelebt?" Sie schreiben es ins Heft: Von langobardischem Haferbrot, der Hafer fein gestoßen, gesiebt, mit etwas Weizen gemischt. Die Mädchen hören einer jungen Blonden zu, die einer zweiten Klasse erklärt, was denn eine Fibel sei? "Eine Sicherheitsnadel!" - Ich kaufe eine Postkarte, ein Fibel-Foto. Eine "Langobardin"? Jedenfalls jüngere Bronzezeit. Ich lasse die Fibel sprechen: "Zart ziseliert bin ich, klug gepunzt, eine Augenschönheit, spiegelgleich ein Schirm, unter dem zwei Brüste sind, zwei Sonnenscheiben, deren Dreh, deren spiraliger drive nach innen links und nach außen rechts geht, eine Entfaltungskraft im lichtstarken Vibrieren: als Schwingung. Ein Reißverschluß der Bronzezeit: ICH eine Sicherheitsnadel. ICH eine Fibel, die dir das Tuch zusammenhält, deinen Langobardenmantel. ICH deine Treue-Sehnsucht, deine Herkunftsmanschette, dein Stammesstolz. - Ich, Fibel, blicke in meine Raute (Bronze-Salmi), ich schau hin, sehe die Punkte . . .
Elbe-Jeetzel-Zeitung, Amtliches Kreisblatt Lüchow-Dannenberg. Briefe an die Redaktion. - "Lassen wir die Frau aus tiefster Seele sprechen ... im Sex erst liegt meine eigentliche Würde als Frau. Die Würde der Frau hat immer ein Loch. Hier liegt meine Würdigung" (Vera Baumleitner, EE-Leitung).
"Eine Frau ist, wenn sie ihre weibliche und universelle Identität gefunden hat, eine natürliche Anlaufstelle für alle Männer. In einer organischen Gemeinschaft wird sie z.B. ganz von selbst die Liebeslehrerin vieler junger Männer sein. Nicht, weil sie darin ihre eigene Sucht nach Jugendlichen stillen muß, sondern weil es ihre natürliche Funktion ist und weil sie natürlicherweise in dieser Funktion aufgesucht wird" (Jens Kehler, EE-Chef-Ideologe).
Dieses Frauenbild der EE-Gruppe lehnen wir ab. Mit einer, die sich der Sekte EE zurechnet, können wir uns keine gemeinsame Aktionen gegen den Castor-Transport vorstellen. Inge Fels, Leitung BI.
*
Robert hatte keine Zeit für Sven-Philipp. Ich gehe zur EE-Frau. Sven-Philipp spöttisch: die, die sich durch das Loch definiert? Beide Freunde wußten, wie jeder Mann sich einen Liebeskelch erträumt, der ihm das Geheimnis löst. Es sich hervordrehen zu sehen, wie es erst sich aufkrümpft und Ringe gewinnt, die wachsen und sich dehnen, bis da geradezu etwas aufsteht, ein Mund rundet sich, er füllt sich, er stülpt sich vor, mit Trompetenlippen, und wie Pfeffer, der dir das Maul verbrannt hat, die Lippen weit vor den Mund verlegt, so sind alle Entfernungen und Maßstäbe neu geworden. Der Schoß der EE-Frau ist Robert ein Ereignis, eine Feldstudie für länger.
Die EE-Frau legt ihre Hände links und rechts, mal hier und mal dort hin. Ihre Beine zieht sie an den Leib und stößt sie von sich. Habe ich gar nicht gewußt was ich da habe. Das Loch ist nicht das Loch. Die Mitte ist nicht die Mitte.
Robert sank ins Gebüsch, am Waldrand, ins Unterholz. Im Milchgeschäft, in der ganzen Saugapperatur, im Gemisch aus Labduft, feinem Drüsenschweiß und der erregenden Vibration einer hochgefahrenen Muskulatur, schwoll alles übers Bindegewebe hinweg, Bubenstück, Schniepel, Mohnkopf, Satansschwengel. Berenice als Kapsel, eine Kabinen-Frau ist sie, unfair, sie nimmt sich alles. Dem Buben bleibt nichts. Sie füllt sich, platzt vor Leben.
Ein Bruch, eine Verdoppelung, das gibt uns einen Blick auf Struktur. Die Sprache, das Ausstoßen und Luftholen, sie dehnen sich. Es raunt und knistert. In Schwüngen und Aufschwüngen transportieren beide, Berenice und Robert, die Erdenschwere in die Höhe. Sie reißen, in Rhythmus, im Tempo, beide am Lakenfeld. Lichtlöcher öffnen sich. Weiten sich aus. Leben kommt, Helle, Wärme. In Druck und Dünung drückt Berenice dem Dasein ein neues Auge auf, es blickt ihn, Robert, an, im Außen, im Innen.
Die Lymphe rauscht, und Robert ist es wie im Arztlabor bei der Dopplerprobe. Er durfte mithören, wie an den Schläfen das Blut zu Kopf schießt, ein Transport-, Signal- und Nervenrausch. Es war die Bekasperungsmusik einer Sprengkammer, in der lauter Kraftstöße bereitgestellt werden, Kopfmusik für eine Schlacht, für eine Feldbegehung im Sturmschritt.
Mach' doch nicht immer dieselben Fehler, Berenice. Es führt kein Weg über das, was du vorschlägst, zur Erlösung. Dass du alles auch tust, was du schilderst, sehe ich längst. Aber alles umsetzen, alles in Aktion bringen, es hat nicht die Bedeutung dessen, wie du es annimmst.
Eine Anreicherung findet statt. Da sammeln sich Dinge. Flüssigkeiten, die farblos waren, verdicken sich, haben wurmartige Fortbewegung. Im Schoß hebt einer plötzlich den Kopf. Wie versteckt er bisher war. Nun schiebt er sich vor und vor, als wäre er ein Junge mit eigenem Glied, das die Welt das erste Mal begrüßt. Irritiert legt die EEG-Frau ihre Hände links und rechts mal hier und mal dort hin. Ihre Beine zieht sie an den Leib und stößt sie desorientiert im Kreis in die Luft.
Er traf unvorbereitet. Abhärtung in der Dauer. Gepreßte Annäherung im Geschwindschritt. Glück als Dauerprozeß. In der Furche pflügen. Nie nebenbei, sondern anschmiegend und fest das Fruchtbett füllen. Im Gleis zu bleiben wie ein Höchstgeschwindigkeitszug, der in die Nacht hinausschießt und durchfährt bis zum Ziel ohne Zwischenhalt. Das Flackern der Notlampe, dieses kleine Sicherheits-Glühen, ein Schmacht in der Dunkelheit, ein Licht- oder Fettfleck,
Erinnerung im Hinterkopf oder ein Ziehen in den Lenden. Wenn du Papier einfettest, scheint Licht hindurch. Es sich hervordrehen zu sehen, wie es erst sich aufkrümpft und Ringe gewinnt, die wachsen und sich dehnen, bis da geradezu etwas aufsteht, ein Mund rundet sich, er füllt sich, er stülpt sich vor, mit Trompetenlippen, und wie Pfeffer, der dir das Maul verbrannt hat, die Lippen weit vor den Mund verlegt, so sind alle Entfernungen und Maßstäbe neu geworden.
Der Schoß der EEG-Frau. Die Sache selbst, das Zentrum, der Kern. Ihn treffen? Sich über die Liebste beugen im kleinen Tod?
Das Sprechen der EEG-Frau in der Erschöpfung. Hegel, es kann alles allenthalben mit allen getrieben werden, die Phänomene des Geistes, und das außen und die körperlichen Umrisse, der Leib mit seinem kompakten Rumpf und der reizvollen Öffnung, sind Nebensache.
Das gesteigerte Beharren auf dem, was in der Wahrheit liegt, die im Anschauen noch immer deutlicher wird, also quasi das "Wahrere" muß in der Welt des Schwatzens, es muß den anderen vorkommen als eine Art von Verrücktheit. Komme zu mir, Robert. Die Befriedigung deiner selbst ist die Flucht aus der Welt, und Tatenlosigkeit. Wer sich nur selbst verwirklichen will, der unterliegt dem einseitigen Trieb zu einer einzigen Form. Das streifst du am besten ab und springst in die Erweiterung durch den Trieb, zu handeln. Auf Seite 198 der PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES steht: Nur in-sich-selbst-Reflektiertsein ist Passivität. - Sag mal, ich glaube dir nicht, Berenice. - Wenn ich total in mir selbst reflektiv bleibe, bin ich tot. Sie schlug das Buch dort auf, wo ein Kniff war und extemporierte: Wenn ein Drang voller Füllkraft da ist, um sich in ein Loch zu ergießen, so nimmt, je mehr das Loch, indem es gefüllt wird, kleiner wird, um so mehr nimmt auch die Kraft ab, aus der es gefüllt wird.
Ein Bruch, eine Verdoppelung, das läßt uns einen Blick tun auf Struktur. Im Innern der Formtotalität, zusammengehalten von der Kohärenz des Systems, das ein Zentrum hat, ist das Spiel der Elemente erlaubt. Das Loch ist nicht das Loch. Die Mitte ist nicht die Mitte.
ziemlich aus der Sicht des Mannes, zugegeben. :cool: Die Leserbriefe sind authentisch (Namen geändert).
im Liegen einzuatmen und betört zu sein
ist dir Genuß und schöne Pein
im niedergehaltenen Schauen
zurseiteblicken und den Mond
im Wasser zwischen Lilien
zwischen gezackten Seeblattrosen
sich spiegeln zu sehen
und auszuatmen
Peter Münch
16.01.2010, 11:48
Die Ohnmacht der Wissenden
oder
Was machen wir, wenn wir nichts machen können?
Was ereignet sich, wenn ein mehr an Wissen nicht automatisch zu einem Mehr an Handlungsoptionen führt? Und wie wirkt sich dieser Umstand auf Menschen aus? In einer vorgehenden Auseinandersetzung habe ich mich unter anderem mit der Frage nach der Depression beschäftigt und dabei festgestellt, dass Depressionen äußerst ambivalent gehandhabt und verstanden werden. Während einerseits die Last der Krankheit beim Einzelnen verbleiben, werden zugleich kluge Analysen geschrieben und dokumentiert, die letztlich besagen, dass es sich bei der massenhaften Erkrankung um eine gesunde Reaktion auf krankmachende Umstände handelt. Die Ursachen oder Beschreibungen dieser Umstände sind dabei Legion. Wir können die Massen der Strukturen und deren Auswirkungen kaum angemessen und erst recht nicht ausreichend beschreiben. Also müssen wir es dabei belassen, Bruchstücke zu sammeln und diese Bruchstücke als mögliche Puzzlestückchen auszuhalten und zumindest zu einem fragmentarischen Bild zusammenzufügen. Eine Option solche fragmentarischen Puzzleaktionen sind wohl auch die im folgenden auszuführenden Gedanken und Beobachtungen.
Wir leben in der sogenannten Wissens- oder Informationsgesellschaft, also die Informationen sind nicht nur permanent am anwachsen und vermehren sich exponentiell, sondern sie verbreiten sich auch unendlich schnell und über sämtliche mögliche Medien über den gesamten Erdball. Dieser Umstand mag bis zu einem gewissen Punkt reizvoll und spannend sein. Noch vor zehn Jahren habe ich diese Entwicklung mit Begeisterung verfolgt und konnte es kaum fassen mit einem Mal an wichtige Informationen heranzukommen und diese auch verarbeiten zu können. Inzwischen ist, nicht nur bei mir, Ernüchterung eingetreten. Wir haben längst nicht mehr Spaß daran viel wissen zu können oder zu sollen, sondern das viele Wissen wird zunehmend zu einer nicht unerheblichen Belastung, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Bereits vor 10 Jahren sprach ich mit einem Bekannten darüber, der mir sagte, dass er die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ abonniert habe. Aber anstatt sich an der gut aufbreiteten Information zu freuen, bringe ihn der Umfang der Zeitung jede Woche unter Druck, weil er es nicht schaffe, alles das zu lesen, was er gerne lesen möchte. Die ungelesene Zeitung wurde zu einer Last, die nicht loszuwerden war. Es sei denn man entwickelt eine gewisse Distanz gegenüber den Anspruch oder bestellt sie ab.
Dieses Bild, seinerzeit noch fast eine Kuriosität und einer gewissen Neuheit, ist inzwischen zu einer Alltäglichkeit geworden. Wir haben längst den Zenit überschritten und können gar nicht mehr anders als permanent mit Überforderung oder einem gewissen Gefühl der Ignoranz reagieren. Die Informations- oder Wissensgesellschaft hat uns eine Flut an Information und an Wissen vermittelt und erschlossen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen wären. Man kann sich schon kaum noch vorstellen, dass vor 15 Jahren nur mühsam bestimmt Informationen verfügbar waren und man gierig nach allem schnappte was zu irgendeinem Thema zu bekommen war. Und das, obwohl wir in der BRD vergleichsweise gut mit Informationen versorgt worden sind. Aber die Explosion des Wissens hat alles unter sich begraben, was bis dahin möglich oder denkbar erschien. Heute sind wir nicht mehr unbedingt gierig in Bezug auf bestimmte Informationen, sondern wir sind eher gierig in Bezug auf Distanz und Abwehr der permanenten Flut der Information.
Wir wissen unermesslich viel und können sprachlich gekonnte und rhetorisch gut geschliffene Sprachausgaben der wie auch immer gearteten Analysen nachlesen oder hören. Zu fast jedem Thema gibt es mehr oder weniger kluge und geschliffene Reden oder Artikel. Wir wissen viel! Ganz zweifellos, wir wissen unermesslich viel und das was wir wissen können, wird täglich, wenn nicht stündlich mehr. Das Wissen, mit dem wir zu tun haben, wächst exponentiell, d.h. es verdoppelt sich in einer kaum zu überblickenden Geschwindigkeit. Wir wissen eben sogar, wie schnell unser Wissen sich verdoppelt und können es in Sprach- und Zahlenkolonnen einordnen. Aber was das heißt, was wir dann mit dem Wissen und Analysen und Möglichkeiten machen können, ist damit noch keineswegs gesagt. Anhand eigener Betroffenheit wird mir das derzeit deutlich.
Ich habe eine Verengung des Lendenwirbelkanals der auf die innen entlanglaufenden Nervenbahnen drückt und Schmerz auslöst. In extremer Fortführung der Krankheit kann es zu Haltungsschäden oder sonstigen Beschwerden in den Beinen kommen. Was aber heißt das? Von verschiedenen Physiotherapeuten wurde mir, Nachvollziehbarerweise gesagt, dass man möglichst nicht an der Wirbelsäule operieren solle, weil das einfach im Körper einiges durcheinanderbringe, was nicht unbedingt gewünscht wird. Man mag die Beschwerden durch Operationen verändern können, aber man erzeugt möglicherweise andere Beschwerden, die auch nicht besser sind als die vorherigen. In biblischen Zeiten, so kann man es lesen, gab es viele Menschen, die krank waren, die unter anderem „lahm“ waren. Diese Lahmen lebten und litten eben an ihrer Krankheit, haderten mit der Krankheit aber es gehörte zu den alltäglichen Gegebenheiten, dass man solche Krankheit bekommen konnte.
Ohne das wir heute schon wissen könnten oder müssten, was genau diese Lahmen waren oder was ihre Lahmheit ausmachte, fragte auch niemand danach. Das Wissen um die Anatomie war ver-gleichsweise bescheiden und die Möglichkeit ärztlich einzugreifen war es noch viel mehr. Operativ war oft nichts zu machen, so dass die Menschen eben mit den Krankheiten leben mussten. Das hat sich seit dem 19. Jahrhundert rasend schnell geändert. Wir wissen sehr viel über die Biochemie des menschlichen Organismus, können über bildgebende Verfahren erkennen und sehen was Ursache für diese oder jene Schmerzen sind und haben eine vergleichsweise gut bis sehr gut Diagnostik. Dazu kommt, dass die Forschungen auf Hochtouren laufen und fast täglich werden neue Verfahren entwickelt, wie man diese oder jene Krankheit behandeln oder zumindest positiv verändern kann. Die Technik innerhalb der Medizin rast regelrecht und verändert sich unentwegt. Im Fall meiner Beschwerden hofft man darauf, dass sich bereits in einigen Jahren Operationen an der Wirbelsäule relativ schonend und ohne große Nebenwirkungen betreiben lassen. Bereits heute kann man mikrochirurgisch handeln und behandeln, man arbeitet aber an Lasertechniken, die noch schonender sein sollen und noch weniger unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge haben werden.
Andererseits sind dem Normalbürger diese Optionen nicht alle offen, sondern man muss sich selbst darum kümmern an die entsprechenden Verfahren zu kommen, weil man ansonsten irgendwo behandelt wird, ohne das man einen Einfluss darauf hätte mit welcher Technik der Eingriff erfolgt. Aber damit nicht genug, wir haben das offensichtliche Dilemma, dass wir zwar viel wissen und vie, diagnostizieren können, aber mit der Diagnose geht nicht unbedingt auch eine Handlungsstrategie einher. Wissen heißt nicht, automatisch, dass wir auch schon handeln können. Anders gesagt oder diese Aussage auf eine abstraktere Ebene gehoben, könnte man sagen, dass mit dem Wissen und den Analysen und Diagnosen über die wir verfügen, nicht automatisch auch schon die Handlungsräume wachsen. Die Möglichkeiten etwas zu tun und zu handeln wachsen nicht bereits mit den immer feineren Möglichkeiten Diagnosen zu bekommen. Das was wir wissen entspricht nicht den Möglichkeiten zu handeln. Wenn wir aber unser Wissen nicht mehr verwerten können, was genau machen wir dann damit? Wozu dient es und was bringt ein Wissen, dass nur noch dazu da zu sein scheint, auf großen Haufen gesammelt zu werden?
Anders gefragt: Muss nicht die wachsende Flut eines Wissens, mit dem wir immer weniger machen können, einen gewissen Frust auslösen, eine gewisse Resignation? Oder löst es vielleicht gerade auch eine Aktivierung aus, die letztlich ins Leere laufen muss, weil eben unsere Diagnostik vor unseren Optionen des Handelns vorn wegläuft? Werden wir zu hyperaktiven Versuchern, die immerzu erwarten, dass es für alles das, was wir handhaben und wissen können, auch eine Lösung haben müssten? Genau diese Lösung haben wir aber in den meisten Fällen nicht oder wir haben diese Lösung zumindest nicht sofort und so schnell verfügbar wie wir es gerne hätten oder meinen haben zu müssen. Was geschieht, wenn unsere Versuche, eine Lösung zu finden, weil ja das Problem klar benannt und erkannt werden kann, ins Leere laufen, weil wir eben keine haben?
Nähern wir uns an dieser Stelle nicht erneut dem, was ich anderer Stelle die „Weisheit der Welt“ genannt habe, anlehnend an Paulus im 1. Brief an die Korinther? Indem wir immer mehr Wissen anhäufen ohne das dieses Wissen auch in Handlungen überführt werden kann oder nicht absehbar ist, ob Handlungen Sinn machen oder eben nicht. Erzeugen wir einen Druck, der sich nicht unbedingt oder eben nirgendwohin auflöst. Gleichzeitig entsteht aber das Bedürfnis, dass wir, wenn wir denn schon eine richtige, eine zutreffende Diagnose erstellen kann, wenn schon die Analysen treffend, rhetorisch und sachlich treffend sind, müsse es auch in gleicher Weise möglich sein, eine Lösung erstellen oder anbieten zu können. Genau das können wir aber nicht bieten und nicht leisten. So dass möglicherweise wir mit offenen Augen auf den einen oder anderen Abgrund zulaufen, genau beschreiben können, was wohl geschehen wird, wenn wir nicht möglichst rasch einen anderen Weg einschlagen und gleichzeitig genau diesen anderen Weg nicht einschlagen können, weil wir ihn entweder nicht gehen können, nicht wissen oder weil die Umstände so komplex sind, dass es nicht möglich ist einfach die Richtung zu wechseln.
Die Fragen die sich daran anschließen sind simpel und zugleich bedrückend: Was machen wir unter der Last des Wissens, wenn wir dieses Wissen nur immer mehr aufhäufen, aber nichts damit machen können? Welche Auswirkungen hat wohl eine solche Häufung auf die Seele der Menschen und was bleibt unter der zunehmenden Last nicht verwertbaren Wissens? Inwieweit steigt unser Anspruchsdenken, dass immer da wo wir ein Problem genau benennen können, eine genaue Diagnose erstellen können, wir auch in der Lage sein müssten, eine Lösung anzubieten? Wird dadurch unser Anspruch, das Leben perfekter, weniger verbeult und weniger unangenehm zu bekommen ins Uferlose, während wir die misslingenden Leben immer weiter aus unserem Blick schaffen? Verzetteln wir uns in unserem eigenen Wissen und in unserer eigenen Klugheit ohne das wir irgendetwas damit machen können? Oder anders gesagt: Sehen wir irgendwann vor lauter Wald die Bäume nicht mehr? Ist alles was wir machen können, wissen und diagnostizieren können auch sinnvoll und hilfreich gewusst, erkannt oder gesehen zu werden?
Man kann diesen Fragenkomplex auch anders angehen und fragen, was uns denn das Leben wert ist und in welcher Form, mit welchen Beeinträchtigungen und Dellen wir es für wert erachten?! Das perfektionierte Leben, so sehr wir uns dieses Leben auch wünschen, in jeder Hinsicht muss man dazu sagen, mag eine schöne und wünschenswerte Zielsetzung sein, aber es geht immer an den Realitäten der empirischen Welt vorbei. Faktisch haben wir nicht das wünschenswerte Leben, sondern lediglich das eben mögliche und das eben lebbare Leben. Keines dieser möglichen Leben hat an irgendeiner Stelle so etwas wie Perfektion oder die Auflösung der anstehenden Spannungen im Programm, sondern immer nur das beeinträchtigte und das eben mögliche Leben. Sind wir, wenn man es anders herum fragen möchte, in der Lage, das eingedellte, das nicht perfektionierte und das nicht zu perfektionierende Leben zu lieben? Haben wir einen Zugang zu dem Charme des Unperfekten, des nicht Gelungenen, des Versuchten und des gescheiterten Lebens? Hat dieses reale Leben, dass uns immer wieder in irgendeiner Form entgleitet, den Charme, den es haben könnte, wenn wir es eben lieb haben?
Aber schon diese Frage öffnet ganze Abgründe von Unwägbarkeiten und Fragenkomplexen, die wir genau nicht bereden und die wir nicht verfolgen. Wir reden nicht über Charme und wir reden nicht über den Mut zum realen, gescheiterten und nicht zu perfektionierenden Leben, sondern von technischen Machbarkeiten auf vielen verschiedenen Ebenen. Wir reden nicht von der Liebe und erst recht nicht in der Sprache der Liebe vom Leben. Die öffentlichen Debatten sind weitgehend technokratische und quantifizierende Debatten. Bis in die so genannte Familienpolitik, wo es ja eigentlich tatsächlich um wirkliche oder wichtige Fragenkomplexe gehen sollte, denn Familie ist tatsächlich ein Dreh- und Angelpunkt unseres Gemeinwesens, hört man nicht das es um die Frage nach Werten und Anerkennung, nicht um die Frage der Liebe geht, sondern um Geld- und Strukturfragen. Wie viel Familie ist bezahlbar und wie kann man die nicht mehr anwesenden Eltern durch Ersatzlösungen kompensieren? Derartige Fragen mögen zwar aus einer gewissen Pragmatik heraus verständlich sein, aber sie werden ganz sicher nicht zu den eigentlichen Fragen durchbrechen um die es eigentlich gehen sollte oder eben geht. Anstatt immer weiter über Machbarkeiten und wünschenswerte Perfektionen zu reden und zu debattieren, müssten wir vielleicht umkehren und danach fragen was denn den Charme des realen Leben ausmacht, was denn ein erfülltes Leben gibt und was uns wirklich zufrieden und ausgeglichen macht.
Die mögliche Antwort könnte ernüchternd und beschwingend zugleich sein. Denn ernüchternd insofern als wir möglicherweise mit allen unseren technischen Möglichkeiten, mit all dem Wissen und nachfolgenden Wissensbergen nichts von dem bewegen können oder werden, was uns tief innen bewegt oder antreibt. In aller Hetze nach der Frage der Richtung in der sich das Leben gesünder, besser und perfekter machen lasse, gehen uns möglicherweise die Verhältnisse verloren in denen wir uns bewegen und wir verlieren uns in einer Hektik und einem Wahn, der uns dazu antreibt immer mehr in eine Richtung zu rennen, die nicht unbedingt zufriedener macht, sondern unruhiger, umtriebiger und ängstlicher etwas zu verpassen, was ja auch noch drin sein könnte. Haben wir uns in einem technokratischen Wahn verheddert, in dem es nicht mehr darum geht nach dem Menschen zu fragen und nach dem, was dem Menschen dient, sondern lediglich Programme und technische Optionen bedient werden?
Wir sind, wie es Günther Anders bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gesehen hat, zum Opfer unserer eigenen Produkte geworden. Unsere Produkte, unsere technischen Fähigkeiten und Möglichkeiten dominieren uns und ersticken regelrecht die simple Frage danach was denn das Leben lebenswert macht. Statt dessen sind wir beschäftigt immer mehr technische Möglichkeiten anzuhäufen und immer mehr Wissen zu sammeln um das Leben zu erforschen oder zu verstehen und perfektionieren zu können. Aber dahinter steht möglicherweise einfach die Angst davor, der eigenen Ohnmacht, der eigenen Hilflosigkeit gegenüber den Mächten des Lebens, den Unwägbarkeiten und Risiken aus dem Weg zu gehen. Tot, Krankheiten, Einschränkungen, Begrenzungen und Ohnmacht werden nicht ausgehalten oder bearbeitet, sondern auf die Wartebank einer technischen Innovationsschiene geschoben, auf der es irgendwann so ziemlich für alles eine Lösung geben müsse oder solle. Unsummen an Geld gehen in die biotechnologische Forschung, weil man mit der Gesundheit oder dem Wunsch der Menschen, länger zu leben, Geld verdienen kann. Leben wird verlängert, es wird verbessert und optimiert aber, es bleibt eben als das reale Leben, dass wir jeden Tag zu führen haben, auf der Strecke.
Das Problem ist, dass wir unsere eigene Ohnmacht nicht aushalten wollen, dass wir vor unserer Ohnmacht davonlaufen, dass wir dem Schmerz ausweichen, der mit der Ohnmacht verbunden ist und das wir nicht weiterkommen als bis zu diesem Punkt. Die Postmoderne oder die Moderne in einem weiteren Sinne, lässt sich so als eine Fluchtbewegung vor dem Menschlichen verstehen. Menschlich meint in diesem Kontext eben die Schattenseiten, die Grenzbereiche des Menschlichen, die Unschönen und unansehnlichen Seiten des Menschlichen, die wir nicht los werden und die wir nicht nur nicht loswerden, sondern regelrecht zu brauchen scheinen um leben zu können. Der Versuch diese Tragik auszublenden oder nicht mehr zu wollen, führt in eine Bewegung der Verflüchtigung, des Verdunstens des Menschlichen, eben auch in einem positiven Sinne. Das Ergebnis ist, dass wir nicht mehr zu fassen bekommen was den Menschen zum Menschen macht. Der Mensch ist nicht Mensch weil er gut oder böse ist, er ist nicht was er ist, weil er dies oder das ist, sondern weil er sämtliche Optionen in sich trägt, die danach schreien beachtet zu werden.
Sofern wir den Menschen auf seine quantifizierbaren Optionen reduzieren und so tun, als ob damit Menschen beschrieben seien oder zu beschreiben wären, macht uns nicht nur nicht zufriedener oder gar glücklicher, sondern reißt uns eher in einen Strudel immer weiterer Entfremdungsvorgänge. Wir bekommen, in dem Maße wie wir den Zugang zu den eigenen Schatten nicht mehr realisieren können, auch keinen Zugang zu unseren eigenen Möglichkeiten. Die Menschen werden entmenschlicht, wenn man sie in ihren Begrenzungen und in ihren Unvollkommenheiten und Macken nicht wahrnimmt. Genau diese Perspektive aber wird uns regelrecht genommen oder abgeschnitten, weil es immer um die Frage nach dem Machbaren, nach dem Bezahlbaren oder sonstigen Fragen geht. Wie bereits gesagt, es geht vermutlich sehr viel mehr um Wertefragen als uns gegenwärtig bewusst sein mag und dann geht es eben auch, selbst wenn wir soweit derzeit nicht fragen mögen, um die Quelle dieser Werte. Und die Ursprünge unserer europäischen Wertewelt, ist nicht ausschließlich die Aufklärung oder die seit der Renaissance sich durchsetzende Moderne, sondern die Religion. Werte bekommen wir nicht ohne eine solche letzte Verbindlichkeit. Wenn Werte aus pragmatischen Gründen geschustert werden, dann haben sie vermutlich keinen Bestand, sie brauchen einen entsprechenden Hinter- und Untergrund.
Die Aufklärung hat sehr wohl die Werte der Religion ins Säkulare übersetzt, aber sie hat sie nicht hervorgebracht oder erzeugt. Selbst die Aufklärung geht, wenn man es unter der Perspektive man-cher Theologen betrachtet, auf die Ambivalenzen des Christentums selbst zurück. Das Christentum trägt die widersprüchlichen und ambivalenten Momente in sich selbst und hat daher auch so etwas wie die Aufklärung ermöglicht. Genau genommen könnte man sagen, dass die Ambivalenz des Christentums gekippt ist und daraus hat sich die säkulare Gegenwart ergeben, aber tatsächlich besteht das Christentum aus dem Spannungsbogen von Aufklärung und Rückbindung an eine Transzendenz, die sich nicht in rationale Erklärungsmuster auflösen lässt. Alle Versuche die Transzendenz loszuwerden, sie sozusagen zu überführen in rationale oder vernünftige Erklärungsmuster, hat bisher dazu geführt, dass sie sich im Hintergrund, jenseits der Bühne und der Aufmerksamkeiten, immer stärker geworden ist und sozusagen durch die Hintertür wieder hereingekommen ist. Dann aber in nicht zugegebenen und nicht angemessen diskutierbaren Zusammenhängen. Denn indem man die Transzendenz, und sei es nur als Möglichkeit, leugnet, verschiebt man ihre Sichtbarkeit lediglich aus dem Blickfeld eigener Aufmerksamkeit.
Wirkungen dieser Nichtbeachtung sind überall sichtbar, denn Menschen suchen und drängen danach die eigenen Grenzen zu überschreiten und wenn sie es nicht in Richtung der Religion oder einer Transzendenz tun oder wollen, dann geht es in irgendeine andere Richtung, die dann in der Konsequenz lediglich eine andere Form der gleichen Suche oder Versuche darstellt. Immer aber scheint mitzuschwingen, dass wir als westliche Menschen nicht mehr hinter die Realisierung der Transzendenz zurückkönnen. Was wir einmal realisiert haben, können wir nicht mehr einfach rückgängig machen und wir können nicht mehr so tun als wüssten wir nicht was wir wüssten oder könnten nicht sehen was wir sehen. Und die Realisierung der Transzendenz ist eine kulturelle Leistung, wenn man es so tief stapeln will, wenn nicht gar eine religiöse Erkenntnis aller erster Güte und Wichtigkeit. Dabei mag es verständlich sein, wenn wir diese Erkenntnis wieder zuschütten oder aus der Spannung, die die Erkenntnis mit sich gebracht hat, auszuscheren versuchten, aber genützt hat es nicht viel und nun wendet sich das, was wir können und wissen gegen uns, sofern wir es nicht positiv angehen, haben wir es eben in der Form des Negativen.
Diese Spannung spielt auf jeden Fall mit hinein wenn es darum geht, dass wir unser Wissen, dass uns ja zumindest eine Scheintranszendenz erzeugen soll, eine spektakuläre Überschreitung von Grenzen, die wir anders nicht glauben überschreiten zu können. Sofern wir es nicht schaffen, Transzendenz positiv und in einer religiösen Begegnung mit der Wirklichkeit zu erfassen, die sich uns entzieht, über die wir keine Verfügung erlangen können, dann bricht sich diese Option entweder als magische oder technische Manipulation durch. Dabei ist die Nähe von Technologie und Magie nicht sehr weit auseinander bzw. es ist naheliegend, dass sich die Grundstrukturen sehr ähneln und sehr nahe sind. Beides, sowohl die Magie als auch die Technologie sind auf Manipulation und Machtstreben ausgerichtet. Beide sind darauf aus eine nicht verfügbare Wirklichkeit in den eigenen Verfügungsbereich zu bekommen. Transzendenz lässt sich aber nicht verwalten, sie entzieht sich dem Menschen, schon allein des halb, weil sie sich als Wirklichkeit dem Menschen entzieht. Menschen haben auf das, was nicht sie selbst sind, indirekten Einfluss, aber es ist ihnen entzogen und damit auch der direkten Manipulation entzogen. Genau genommen sind wir uns selbst entzogen und bekommen auch zu uns selbst nur den indirekten Zugang über den anderen Menschen und die Welt um uns her, aber über diesen Umstand können wir uns leichter hinwegmogeln...
Das Leben gehört sich vielleicht nur selbst und alle Lebewesen sind Teil und haben Anteil an den Strömungen des Lebens aber niemand hat das Leben zur eigenen oder zur sonstigen Verfügung. Lebend gehören wir uns nicht selbst, sondern wir sind uns selbst entzogen. Nach Aussage des Psychotherapeuten James Hillman gehört es geradezu zum Erwachsenwerden des Menschen dazu, sich dieser eigenen Begrenzung stellen zu lernen. Wenn man jung ist, hat man, nicht ganz zu unrecht, den subjektiven Eindruck, man könne die Welt aus den Angeln heben und man sei, mehr oder weniger, unverwundbar. Es gehört zum Prozess des Älterwerdens, wo man immer dieser Punkt auch ansetzen mag, sich den tatsächlichen Gegebenheiten zu stellen und sich selbst in den eigenen Grenzen aushalten und akzeptieren zu lernen. Der Umstand, dass wir aber in der westlichen Gesellschaft bzw. den Gesellschaften so sehr damit zu kämpfen haben, dass allein die jungen Menschen oder das Jungsein an sich so hoch gehalten wird, führt dazu, dass dieser Prozess, der unbedingt zum Leben dazugehört, keinen wirklichen Wert mehr darstellt.
Wert hat in erster Linie alles was Grenzen verschieben und verändern kann. Grenzen werden pausenlos in Frage gestellt, verändert, erweitert, geleugnet oder kritisch gesehen und kommentiert. Nichts darf einfach so sein wie es ist, sondern alles ist prinzipiell veränderbar und zu bearbeiten. Nichts ist einfach gegeben und daher hat auch die Tugend, Grenzen aushalten zu lernen, keinen hohen Stellenwert. Wir erleben zwar alle, in unserem individuellen Leben in unserer individuellen Existenz das wir nicht unbegrenzt Verfügung über uns selbst und unsere Möglichkeiten haben, aber diese Erfahrung wird weitgehend geleugnet und auf den Einzelnen abgeschoben, der dann mit dem Ungemach seiner eigenen Grenzen zurechtkommen muss. Aber der Geist der westlichen Welt ist auf pausenlose Bewegung eingerichtet, auf pausenloses Vorantreiben und das Verändern und Hinausschieben von Grenzen.
Nicht das wir nicht damit ganz erhebliche Erfolge zu verzeichnen hätten, wir haben tatsächlich viel erreicht und verändern unentwegt unsere Grenzen und unsere Möglichkeiten, aber damit eben nichts gesagt über die Erfahrungen auf der anderen Seite. Hillman sagt sogar, dass es zum Erwachsenwerden dazugehört und wichtig ist, mit den Unveränderbarkeit mancher Umstände und Möglichkeiten auskommen zu lernen. Wer nicht irgendwann realisiert, dass nicht alles nach Wunsch verändert und verschoben werden kann, der wird auch nicht erwachsen, der kommt auch nicht zu der Reife, die das Erwachsensein ausmacht. Wer immer denkt, dass hinter der nächsten Tür, der nächsten Biegung des Lebens noch irgendetwas kommen müsste, was wir bisher nicht gesehen und nicht verstanden haben, der mag zwar tatsächlich manches erreichen, aber er lernt sich zu bescheiden und endet vielleicht im Alter von 50 Jahren mit einem ersten Herzinfarkt. Erst wenn der Körper uns Grenzen setzt, dann geht nichts mehr. Aber selbst an dieser Stelle verändert die Medizin permanent unseren Horizont und die Technik macht immer mehr möglich...
In der Wissensgesellschaft ist es keine Tugend Grenzen aushalten und sich mit dem Einrichten zu lernen was eben geht, sondern wir leben von der Utopie des „Immer weiter“ und „Immer mehr“ und wer das schafft, der lebt eben auf der Sonnenseite des Lebens und wer das nicht schafft, der hat Pech gehabt muss sehen wie er klar kommt. Dabei wird konsequent die eigene Begrenzung nicht in der Öffentlichkeit bearbeitet und öffentlich diskutiert oder gar als Leistung des Menschen gewürdigt, sondern die Einzelnen erleben ihre eigenen Grenzen als Versagen oder als Fehlhaltung der eigenen Person. Man überlegt und agiert an der Grenzen herum wie ein Tiger, der plötzlich in einem Käfig landet und nun wie wild an den Gitterstäben entlang läuft, und bekommt auch von außen, also von der eigenen sozialen Umwelt her nicht die Rückmeldung dass man eine erhebliche Leistung vollbringen kann oder muss, nämlich die Leistung der Selbstbescheidung und des Lernens mit Grenzen leben zu können, sondern wir werden unter der Hand zu Versagern, die eben irgendwo an irgendeinem Punkt nicht aufgepasst haben und nicht richtig agiert haben zu müssen.
Die Wissensgesellschaft hat also den unangenehmen Nebeneffekt uns nicht erwachsen werden zu lassen und das in einer Gesellschaft, in der es mehr Alte als Junge gibt, in einer Gesellschaft, die vorwiegend von Menschen höheren Alters dominiert wird. Während unser tatsächliches Lebensalter ansteigt und wir uns im Rahmen unserer eigenen Biographie zunehmend mit den Grenzen des eigenen Lebens auseinandersetzen müssen, wird uns dieser Boden systematisch entzogen und zugleich wird so getan, als ob genau das nicht der Fall sei, ja als ob wir das selbst zu verantworten hätten, gerade so eben, als sei es reine Privatsache was im eigenen Leben abgeht. Die Illusion, die durch den oben genannten Effekt genährt wird, dass wir mehr wissen als können, dass unser Wissen unserem tatsächlichen Können weit vorauseilt, ist nahezu perfekt. Denn wir können auf diese Weise auch den Glauben hegen, dass wir, indem wir um die Fragen des Älterwerdens wissen, auch schon eine Strategie hätten wie wir damit umgehen könnten und genau das haben wir nicht. Wir haben im Grunde keine Ahnung wie wir diese Widersprüche so miteinander verbinden oder zusammenbringen, dass auch nur einigermaßen sinnvolle Ansätze daraus erwachsen können.
Wir leben in der Illusion allein durch unsere Analysen auch schon Formen des Umgangs zu haben, die haben wir aber genau nicht. Wir haben nur Wisse, Informationen, Zahlen und Statistiken. Wenn viel zusammenkommt, dann haben wir noch Hochrechnungen und Modellrechnungen, die uns besagen, dass sich da etwas sehr konkret auf die absehbare Zukunft hin verändert. Die Täuschung aber besteht darin, dass eine Hochrechnung nicht auf eine biographische Situation zu übertragen ist. Anders gesagt: Wenn wir zunehmend älter werden, wenn damit verbunden ist, dass wir erwachsen werden, indem wir die eigenen Grenzen zunehmend auszuloten und auszuhalten haben, dann muss das konkret im eigenen Leben ausgehalten werden, nicht im abstrakten Raum dürrer Statistiken und Hochrechnungen, sondern diese Entwicklungen brechen sich in den Biographien konkreter Menschen, die sehr konkret und selbst betroffen, damit umgehen müssen und dabei weitgehend darauf verwiesen werden, dass es den Alten ja ungeheuer gut gehe, dass sie fit seien bis ins Alter und man spricht sogar von den sogenannten „Jungen Alten“, als ob eine solche Entwicklung in jedem Fall eine Art Selbstverständlichkeit sei, die man einlösen könne. Genau das ist sie aber nicht!
Die Ohnmacht der Wissenden ist die Ohnmacht, die wir tagtäglich erleben, uns aber als Ohnmacht nicht eingestehen könne, weil es sie offiziell nicht gibt oder nicht geben darf. Offiziell gibt es keine solche Ohnmacht, sondern nur eine zunehmende Anzahl von Möglichkeiten, die täglich mehr werden und die uns offen stehen. Das mag stimmen, zumindest bedingt, aber es stimmt eben nur bedingt und nicht ausschließlich und nicht einmal überwiegend. Denn bereits die Umzahl technischer Optionen, die uns täglich neu zur Verfügung gestellt werden und die sich stündlich vermehren, zwingen uns dazu, uns zu entscheiden, mit dem Effekt, dass wir uns begrenzen müssen auf eine oder zwei Möglichkeiten auf die wir uns festlegen. Mehr schaffen wir kaum. Haben wir uns dann festgelegt, dann brechen wir kaum noch durch zu den anderen Möglichkeiten. Solange wir jung sind , mögen wir flexibel sein und schnell in der Lage uns auf veränderte und neue Bedingungen einzustellen und einzulassen, aber sobald wir älter werden, lässt diese Fähigkeit nach und wir entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass das Leben uns Grenzen setzt und nicht unentwegt neue Optionen öffnet!
Die Wissensgesellschaft hat daher eine Tendenz junge Menschen oder die Attribute des Jungseins zu idealisieren und alle anderen Aspekte des Menschlichen auszublenden. Noch in den 60er und 70er Jahren hatten wir, ich gehöre zu der Generation der sogenannten 68er, dass Problem, dass die Traditionen fest und unverrückbar standen und man hatte zu tun, dagegen anzukämpfen und Neues auszuprobieren. Inzwischen hat sich das Problem komplett umgekehrt. Wir haben heute nicht mehr mit starren Traditionen zu tun, sondern mit permanenten Verflüssigungen und dauernden Veränderungen, die zum Teil nirgendwo hin führen, sondern lediglich auf die danach anstehenden Veränderungen verweisen. Hatte noch meine Generation das Anliegen sich aus den Zwangsjacken der Tradition zu befreien, weil man den Eindruck hatte, dass wir zuwenig Freiheiten hatten etwas auszuprobieren, unkonventionell etwas zu tun und zu probieren, so ist die Veränderung und der Druck sich zu verändern und zu bewegen inzwischen ein Selbstwert. Man muss nirgendwohin kommen oder gehen, man muss nirgendwo ankommen und nirgendwo hinwollen, weil die Bewegung für sich selbst steht. Dieser Umstand macht uns aber regelrecht irre. Menschen sind durchaus und selbstverständlich in der Lage sich zu bewegen und zu verändern, aber es gehört wohl auch dazu sich fragen zu können oder zu lassen wohin wir uns denn verändern und was das Ziel einer Bewegung ist. Längst hat man den Eindruck, dass die Bewegung in erster Linie vom Geld bestimmt wird, dass allein um der Märkte und Kapitalflüsse willen etwas verändert werden muss und soll.
Nicht die Menschen sind wichtig, sondern die Märkte und das Geld das daran hängt. Die Frage nach der Börse hat längst die Frage nach dem Wohl der Menschen verdrängt, dass haben wir nur noch nicht bemerkt. Wissen und Informationen können ungeheuer schnell vermehrt und bewegt werden, kreuz und quer über den Erdball können wir alles Möglich an Wissen und Informationen über den Erdball verschieben, aber wir haben eben, weil wir als Menschen nicht so schnell nachkommen, erhebliche Probleme damit. Menschen sind eben Körperwesen, Menschen sind langsam, beweglich, flexibel und veränderbar, aber eben langsamer als die reine Information. Und Menschen fragen nach dem Sinn des Weges während das Wissen und die Information solche Fragen nicht kennt und nicht kennen kann. Menschen fragen danach wozu und wohin es denn geht, Informationen verschieben sich und verändern sich permanent und wir wissen immer schneller immer mehr, bleiben aber eben langsam, weil wir Menschen sind und keine Datenströme.
Peter Münch
Die Ehefrau uert beim Frhstck den Wunsch, Schnecken zum Abendbrot zu essen.
"Kein Problem", meint der Gatte, "ich gehe schnell in die Stadt und kaufe ein Dutzend."
Nachdem er die Schnecken besorgt hat, schaut er auf die Uhr. Es ist erst 10.
Da denkt er sich: "Ich leiste mir noch einen kleinen Abstecher in meine Stammkneipe. Zeit ist ja genug."
Als er - nach einigen Bieren - in der Kneipe erneut auf die Uhr schaut, ist
es bereits 18 Uhr. "Mist!", denkt er sich, "wie erklre ich das blo meiner Frau."
Zu Hause angekommen, setzt er die Schnecken in sechs Zweiergruppen vor die
Tr, klingelt und stellt sich hinter die Schnecken.
Als seine Frau ffnet, klatscht er in die Hnde und ruft: "Husch, Husch! Gleich hammers g'schafft."
Am Abend atmet alles Abgrund
Badewannen baden Beine
Hände heben Hemden
Lümmel übern Lungenzüge
Leuchtreklamen laufen
Nebel necken niedliche Nebenfrauen,
die draußen, dort,
braunen brummigen Bären billiges Bier bringen
Ziemlich zart
und unter Uhren
zirpen abends zehntausend Herzen,
halten Herren
die bunten Blumen
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